Ich muss dir etwas sehr wichtiges sagen, also sei bitte mal still.
Nervöses Zucken in meinem kleinen linken Finger, im Hintergrund dezent verzerrte Musik aus den Siebzigern; dein Gesicht im roten Licht der billigen Lampe hinten in der Ecke, diese Farbe magst du schließlich so gern, der Geruch von meinem Lieblingswaschpulver. Während ich mir den Sinn meines Lebens zusammenklamüsern muss, fällt dir alles in den Schoß, mehr Gedanken schaffen es nicht in meinen Kopf; das Bedürfnis, dir etwas zu entgegnen, die fehlende Kraft, Worte zu artikulieren, alte Forderungen von dir imprägniert in meine Augenlider.
Zwar glaube ich, dass du nicht die Person bist, der ich das sagen sollte, du druckst herum, mit einer mal lauten, mal leisen Stimme, mit Pausen in einem sonst sehr kurzen Satz. Kurze Atemzüge, du kaust wieder an deinen Fingernägeln, aber es gibt sonst niemanden, mit dem ich reden kann; deshalb - bitte hör mir zu, wenn ich sprechen will.
Deine Haut ist warm und erinnert sich noch an meine Fingerspitzen. Ich dachte, sie hätte mich schon längst vergessen, aber sie begrüßt mich mit einem wohlbekannten Schaudern; ich hinterlasse weiche Druckstellen auf deinem Arm, sie tanzen ähnlich wie Lichter einer kaputten Diskokugel den Unterarm herunter zum Handgelenk, leuchten manchmal weiß, manchmal so hell wie der Rest deines Körpers, stechen aber immer hervor. Doch letztlich rührt sich nichts in deinen Augen, du bleibst kalt wie ein Stein.
Sie haben immer gesagt, ich solle mich nicht so anstellen, sie haben immer gesagt, all das in meinem Kopf ist nur ein Gespenst. Nichts als Gespenster von Judith Hermann auf deiner Fensterbank, ich sehe es von hier; wahrscheinlich ziehst du es hinter dir her, weil du denkst, du machst etwas falsch, dabei bemerkst du gar nicht, dass nicht du dich im Kreis drehst sondern es dich. Es sind eben Geister, fahle Erinnerungen an etwas, das es einmal gab oder auch nicht.
Das ist wie mit dem Alkohol, den sie trinken. Erst sagen sie, wie falsch Gedanken an etwas sind und dann trinken sie ihre eigenen in destillierter Form, weil sie glauben, dass es sie wärmt und den Tag vergessen lässt. Eigentlich läuft er durch sie hindurch, ähnlich wie ihre Empathie; Dinge, die sie nicht kennen, Gefühle, die sie noch nie durchlebt haben, Mutmaßungen, die leicht zu treffen sind, wenn man den eigenen Schatten nicht mit sich herumtragen muss. Meine Nägel haben sich im Stoff meiner Jacke verhakt, leichter Druck auf ihnen, Juckreiz im Nagelbett, das Gefühl, nicht mehr loszukommen von sich selbst; Angst vor der Verurteilung der anderen. Auf dem Buch auf dem Fensterbrett sammelt sich der Staub, glitzert farbenfremd wegen der Lampe; die Frage danach, wie viele Seiten Papier sich zwischen Glas, Sandstein und Heizung sammeln können, keine Antwort darauf, nur vergilbtes Weiß, das man aus der Entfernung erahnen kann.
Oder ist es etwas anderes, weil sie nicht wissen, wie ich mich anfühle, wie es ist, so zu sprechen, zu laufen, zu sehen wie ich? Macht das für irgendjemanden eigentlich noch einen Unterschied? Die Druckstellen an deinem Handgelenk sind seit einigen Sekunden leicht bläulich, zumindest meine ich, das zu sehen; die Musik wird von Stille abgelöst, eventuell ist es nur ein Schmiss in der Platte, aber du, du richtest dich auf, das Sofa quietscht unangenehm unter dir. Hallendes Stimmengewirr aus der Altbauhäuserschlucht zwischen uns allen, sie taumeln auf den Gehwegen und fallen und stehen wieder auf und wissen doch nicht, wie schwer das alles für uns ist, für uns, zwei Stockwerke über ihnen.
Kannst du die Zeichen sehen, die ich dir gebe, fragst du.
Ich bleibe stumm, habe diesen Abend noch kein einziges Wort gesprochen, nicke nur langsam und stetig, bis mein Nacken im Hintergrund knackt. Du wolltest es so, es bindet uns, ohne dass es uns verschleißt; und trotz allem weiß ich immer noch nicht, was du eigentlich von mir willst. Habe dir schon immer zugehört und war dabei wohl der einzige Mensch, der das tat, ohne etwas zu sagen.
Ich bleibe stumm, habe diesen Abend noch kein einziges Wort gesprochen, nicke nur langsam und stetig, bis mein Nacken im Hintergrund knackt. Du wolltest es so, es bindet uns, ohne dass es uns verschleißt; und trotz allem weiß ich immer noch nicht, was du eigentlich von mir willst. Habe dir schon immer zugehört und war dabei wohl der einzige Mensch, der das tat, ohne etwas zu sagen.
Alles hier ist so aufgeräumt chaotisch: die Kleidungsschichten auf dem Holzstuhl, der auseinanderbricht, sobald man sich auf ihn setzt; man kann alles wie bei einer Zwiebel voneinander abschälen, es bleibt nicht mehr als ein scharfes Gefühl in der Tränendrüse, zehn Tage eines Lebens auseinandergeblättert, ein konstantes Knistern der Dielen unter uns. Dein Rücken eine riesige Leinwand für das, was du nicht getan hast aber tun wolltest, alles trägst du mit dir herum. Da sind Narben sichtbar für die, die es verstehen, sie zu sehen, weil sie unter deiner Haut sind; mit den Fingerkuppen kann man sie erfühlen, sie stehen heraus wie ein notdürftiger Bretterverschlag neben einem eleganten Neubau, du kannst trotz und mit ihnen funktionieren, aber eben nur mechanisch, das Dazwischen bleibt fragwürdig ungeklärt zurück.
Die meisten bemerkt wohl keiner, vor allem nicht du, meist sind sie auch nicht für dich gedacht. Das ist ja wie bei Hänsel und Gretel, hinterlässt dir eine Spur aus Brotkrümeln, nur essen sie die Gespenster in deinem Hinterkopf auf, das dunkle schwarze Etwas, von dem du glaubst, dass es erblich ist, von dem du glaubst, dass es dich zugrunde richtet, sobald du nicht mehr alleine geradeaus sehen kannst.
Aber ich verirre mich da draußen, in den Städten, manchmal streife ich durch die Gegend und weiß gar nicht wieso. Als würde man dem Leben entgegentreten wollen und weiß nicht, wo man es finden kann.Ja, wo ist da eigentlich noch der Unterschied zwischen innen und außen. Du führst in die Irre, Verleitungen, Verfehlungen, Verwirrungen; seit Minuten stehst du unbeweglich vor deinem Plattenspieler und fährst mit dem Fingernagel über die Rillen auf dem Vinyl, man kann kaum etwas hören, du bist keine Plattenspielernadel, auch wenn du meinst, die Töne, die du fast schon auswendig kannst, wiederzugeben. Ein auf und ab der Schultern, Lebenszeichen aus einem entfernten Traum; die Schulterblätter schmerzen beim Anblick von all dem, was du vergessen hast; egal was passiert, du läufst immer wieder gegen eine Wand, kommst immer wieder zu mir, stößt mich immer wieder ab, drehst uns beide im Kreis. Um uns herum Frischhaltefolie, Platzangst, das Verlangen nach Luft; Abstoßungsprozesse, Hilflosigkeit, der Weg von außen nach innen.
Du drehst die Platte langsam um, ich sitze auf dem alten kalten Boden und warte darauf, dass deine Füße das Holz um mich herum wärmen. Dann gibt es noch diese Ruhelosigkeit, die mich vorantreibt, nein, eigentlich glaube ich, dass sie mich jagt, aber das verstehen sie alle genauso wenig wie den Rest von dem, den ich ihnen erzähle. Du lässt es bleiben mit der Musik, abgestandene Luft, du drehst dich lediglich um, verpasst dabei den Blick in meine Richtung. Mich beschleicht das Gefühl, dass du meine ewige Schweiz bist; ungreifbar, unantastbar, unverhältnismäßig weit entfernt.
Du warst nie meine erste Wahl und doch warst du die Person, die sich am angenehmsten meinem Tempo angepasst hat. Merkwürdige Stimmung, sich langsam aufbauender Druck, angespannte Stimmung. Immer war da dieses fehlende Interesse; nicht vorhandene Bausteine auf dem Weg zwischen uns, kein Platz zum Treten, daneben nur feiner englischer Rasen, auf dem Schilder prangern, die das Betreten verbieten. Tiefe Traurigkeit, Ernüchterung mit jedem Herzschlag; wieder das nervöse Zucken im kleinen linken Finger. Du schreitest fast majestätisch zurück zum Sofa, zerschlissener alter Stoff, der an deine Großmutter erinnert, ihr Foto hängt an der Wand hinter dir in altmodischen Bilderrahmen; daneben Bilder von deiner Familie, dir, von Plätzen, an denen du einmal warst, ausgeblichene glückliche Fragmente von Sekunden, zementiert für eine Ewigkeit, die zwischen die Entwicklung eines Films und ein abflachendes Leben passt.
Und jetzt sage ich es dir einfach. Ich muss hier weg, raus aus diesem Ort, weg von allem, was es hier gibt. Aber sie würden es nie verstehen, würden noch nicht einmal nachfragen. Deshalb bin ich hier, Erscheinen auf Bestellung, als gäbe es genug von meiner Art; potenzielle Austauschbarkeit, dieses sich-vor-den-Kopf-gestoßen-fühlen; Hilfe auf Abruf, ohne Gegenleistung, schmerzende Liebe als Selbstverständlichkeit. Morgen früh packe ich alles in mein Auto und fahre irgendwohin, keiner von ihnen war je in der Lage, nachzuvollziehen, was in mir passiert, sie sind nunmal viel zu laut und sie wissen es nicht, deshalb. In Gedanken rechne ich die Minuten zwischen einem jetzt und einem morgen früh aus; aufkeimende Abneigung, unbekanntes inmitten meines Körpers, aber ich bin ganz still, ich harre der Dinge, ich ahne, was kommt, ich will nicht, dass du es sagst. Das Unvermögen, zu verhindern, dass du in mir einen Erdrutsch auslöst, fehlendes Verständnis für die Sehnsucht, die mich treibt.
Eben weil sie mir nie folgen würden, eben weil du die ganze Zeit schweigst, eben weil du all das von mir weißt, ohne dass ich es dir überhaupt hätte sagen müssen, will ich, dass du mitkommst. Lass alles stehen und liegen und komm mit mir mit, auch wenn ich nicht wirklich weiß, wohin und wieso genau. Die rote Lampe direkt vor meinen Augen; stecknadelkopfgroße Pupillen, man hätte bestimmt jegliche Veränderung in meinem Gesicht hören können, ähnlich wie man die Sekunden an uns vorbeirasen hören kann. Verwunderung, das klamme Gefühl um die Herzgegend. Nur sag mir, dass du mitkommst, sag einfach nur irgendetwas.
Ich glaube, es ist Zeit zu gehen. In meinem Herzen ein auffaltbares schwarzes Loch, anpassbar an alles, was mich verwunden kann. Manchmal verschwinde ich darin, meist lebe ich darin, zu oft verlaufe ich mich darin, ohne es zu wollen. In deinen Augen eine große Leere, sie stülpt sich über alles, was erfreuen könnte, saugt alles in sich auf, was etwas verändern könnte, zieht alle Freude aus dem Sauerstoff. Ich hole Luft und setze an, mich hält hier nichts, gerade nicht du, mein Versinken im eigenen Morast tritt in den Hintergrund, wenn du bei mir bist. Ich habe das Gefühl, sage ich, dass ich immer zur falschen Zeit an den falschen Orten bin. Meine eigene Suche, Hommage an das Fernweh in mir, Streben nach einem Zuhause, merkwürdige Absonderungen meiner Selbst; ich ziehe die Türe hinter mir zu: laut, wehmütig, halb mit Hoffnung gefüllt.
wie genial dieser text ist!
AntwortenLöschen"Mich beschleicht das Gefühl, dass du meine ewige Schweiz bist; ungreifbar, unantastbar, unverhältnismäßig weit entfernt." So, so gut. Wie auch der ganze Text.
AntwortenLöschenvielen vielen Dank!
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