diese straßenbahnfahrten
ich mag das eigentlich lieber im zug
all diese merkwürdigen linien vor den augen
dabei bin ich doch eigentlich immer nur zu spät
Die Luft dampft müde vor sich hin, der Geruch von Sommerregen zwischen all den kurzen Hosen und flachen Schuhen, vereinzelt nur Regenschirme. Ich fahre durch die Straßen, im Hintergrund Kindergeschrei und der alles durchdringende Geruch von Fischbrötchen und Bratfett. Die Fahrräder rauschen ebenso vorbei wie die geöffneten Türen zu den Hinterhöfen. Mein Griff nach den Haaren wirkt wohl leicht fahrig, interessiertes Nachschauen und Leute, die Bücher lesen. An meinen Fingernägeln klebt noch ein Unrest rot, Erinnerungen an Nächte, als die Hände noch um Cocktailgläser geschlungen waren. Die Einsicht, dass ich nichts mehr so recht ins Gedächtnis rufen kann, alles ist in Kurzform abgespeichert, bereit, in ein paar Wochen verarbeitet zu werden. Neben mir ein Auto, dessen Fahrer bedächtig mit den Fingern gegen sein Lenkrad klopft. Es passt zu dem Klopfen in meinem Ohr. Neben mir Menschen, die die Beine ständig anders übereinanderschlagen, das Gefühl fehlender Dauerhaftigkeit.
Du bist weg, sagst du, du reist, auch wenn du noch nicht genau weißt wohin. Ausstieg Leben, Zerstreuung, ähnlich vorbeifahrende Landschaften, an anderen Orten andere Menschen. Gespiegelte Bewegung, Knirschen von Zeitungen, unendlich oft zusammengefaltet. Am anderen Ende des roten Fadens wohl ähnlich lesende Leute, nur mit anderen Gesichtern mit anderen Gedanken in anderen Sprachen.
Dann hört es alles schlagartig auf. Nächster Tag, das Licht am Morgen so weich, dass sich der Körper, die Haut, hineinlegt, als wäre es die warme Bettdecke. Erinnerungen an ein Aufstehen ohne hell und mit künstlichem Licht, Tage ohne das Klappern der zu lockeren Fahrradverkleidung, die Augen müde vor unabdingbarem Schlafbedürfnis, das sich so tief in die Knochen gekerbt hat, dass man sich gar nicht mehr an Wochen erinnern kann, in denen es nicht so war.
Verbiesterte Gesichter auf den Wegen von A nach B, du wirst noch schlafen, Menschen umgeworfen beim abrupten Fahren um Kurven, in meinem Kopf verbinde ich all die Leberflecke auf meiner Außenhülle zu Figuren, Schattenmalen, ein Ankämpfen gegen mein ganz persönliches Vergessen. Viel zu lernen, wenig Zeit, abgestandene Existenz, der Kaffeesatz im eigenen Kopf, der gelegentlich nicht verschwindet, wenn man an ihn denkt, der, der Bilder formt.
Wo sind all die selbstlosen Menschen hin, frage ich mich, wo hält man sie versteckt, wieso zeigen sie sich so selten. Diskrepanz zwischen Wissen und Tun. Immer wieder dieselben Leute auf meiner Fahrt nach Hause.
Mittagstisch ab 17 Uhr, welch Ironie, schon wieder Kindergeschrei, das übermäßig laute Brummen von Elektrizität, ähnlich vibrierend wie die Pollen, die durch die Altbauschlucht ziehen. Plötzlich ein undefinierbares Gefühl der Beunruhigung. Ich hoffe, es geht dir gut.
Fahrt über den Fluss, wieder mal schreiben, aufschreiben, verschreiben, der Blick durch das Fenster, die braunen Haare brennen im Morgensonnenlicht, am Wasser sitzen sie schon mit, auf, in ihren Decken, vielleicht auch immer noch. Antiquierter Sandstein, die Rapsfelder glühen dezent im Hintergrund. Türen öffnen, schließen sich, auffällig unauffällig - wieder ein paar Minuten vorbei, kurze Wege, Fragen nach dem Weg wohin, der Stachel in der Motivation.
das erste foto ist so einfach, so ruhig. ich hätte gerne ein leben wie das bild, dass ich bei diesem foto im kopf habe.
AntwortenLöschenps: du machst mich neidisch, anke. du schreibst so viel und gut.