Oder an einem anderen Tag, Fragmentfortsetzung
Und du musst mir davon erzählen, als würde ich tatsächlich schlafen, als würde ich dir nie zuhören, hätte ich dir nie zugehört. Du setzt das Wortmesser an und schneidest tief, erzählst von all den Stunden, in denen du Bilderrahmen mit meinem Gesicht darin an die Wand geworfen hast; Glas, das sich in so viele Teile zerbrach, dass das Pech für zweihundert Jahre hätte reichen können, immer wieder dieses unbeholfene Schneiden an den Scherben und dein Versuch, um sie umherzutanzen, fast, als wären sie nicht da. Ständig diese Reminiszenzen, ständig dieser Wunsch zu vergessen, ständig irgendein Restsplitter, der sich in deine Fußsohlen bohrt.
Der Zug wiegt uns sanft, deine Hand auf meinem Gesicht, das ist die nicht vorhandene Ohrfeige, die, die du mir nie geben konntest, weil du das schon mit so vielen Bildern von mir getan hattest, deine unbändige Wut, die du nicht in Hass verkehren kannst, weil du immer noch blutest an den Fußsohlen und weil deine Narben dir die Beine hochkriechen. Als hätte man dich mitten in einem Wald voller Dornen ausgesetzt, als hätte das alles Sinn gemacht, als hättest du den Weg nach draußen finden müssen, kein Hubschrauber mit Wärmebildkamera über dir, keiner, der nach dir sucht. Die Suchtrupps waren schon mit mir beschäftigt, und zu Hause immer noch all diese alten Bilder von mir, ich weiß nicht wieso du sie nie weggeworfen hast; dieser plötzliche Drang, dieses Bedürfnis, diese Notwendigkeit, du hast nie gewusst wonach eigentlich, vielleicht nach dem Atem aus meinen Lungen.
Dein Erzählen, dein Vermuten, deine Hypothesen, mein unbändiges Verlangen nach Leiden und irgendwo dieser undefinierte Wunsch, doch leben zu können, aber wie nur, wie, mit all dem zerbrochenen Glas da auf den Dielen, mit all dem, was man nie wieder aus den Ritzen herausbekommen kann, weil man sich immer wieder an den Scherben verletzt? Du redest vom Meer, von dem Rundgewaschenen, von den geformten Steinen und ich weiss jetzt, dass du von deinem Schmerz redest, dem, den du nur in Ansätzen gezeigt hast in all der Wut, weil du deinen Schmerz nicht über mein Leiden stellen wolltest, nie, du hast nur immer davon gesprochen, wie viel Rücken tragen können. Du hast immer nur gesagt, dass alles gut ist, du hast gelogen, ich weiß es, ich sehe es, ich sehe es in deiner Panik, ich spüre es noch immer in dem schon längst vergangenen kräftigen Druck an meinem Handgelenk vom Bahnsteig, du wolltest nicht, dass ich noch mehr leiden muss.
Ich wiege mich immer mehr in das sanfte Nichts zwischen Halbschlaf und deinen Worten, ich denke, ich war Winter, ich konnte nichts dafür, dass Schnee so schnell schmilzt, ich war Winter und irgendein Lufthauch war für mich einfach noch viel zu warm.
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ich danke dir.