mit der regelmäßigkeit eines ortungsradars schäumt es mir die erinnerungen hoch, sie kommen in einem dieser ungünstigen momente hoch, wenn der kloß im hals zum greifen nah und die leere im herz zum platzen groß ist. ich fülle alles in mich hinein, als wäre ich ein gigantischer luftballon, es fehlt nur noch ein initialschmerz, ein trigger, und der ballon platzt. dann riecht es für eine weile nach themse, nach den resten von verzechten nächten in der gegend um leicester square, dann rieche ich die u-bahn und sehe vor mir, wie wir uns nachts immer trafen, um spazieren zu gehen und zu reden, wie ich immer bis vor die haustür begleitet wurde, wie meine kollegen immer hinter dem rezeptionstresen standen und aufpassten, dass ich immer wohlbehalten zurückkam. all diese lichter vor meinen augen, immer verschwommener, unwirklicher, irgendwann ein anruf, damals, als ich noch anrufe annahm, ein stundenlanges gespräch, kontaktaufnahme. und diese pflanze mit den bösen trieben, die man mir schon vor langer zeit eingesetzt, die aber erst bei diesen spaziergängen an der themse mit dünger versorgt wurden. es sind menschen, du kannst ihnen nicht vertrauen, auch mir nicht. ich sehe dieses gesicht vor mir, auch das von jemand anderem und bin wütend; veränderung braucht zeit, hat meine therapeutin gesagt und ich möchte gerne daran glauben, dass es möglich ist, mich wieder so gesund zu bekommen, dass ich nicht mehr die angst haben muss, von anderen wegrationalisiert zu werden, dass der muskel in meiner brust, der mit der gleichen regelmäßigkeit schlägt, wie meine erinnerungen mich einholen, wieder so liebt wie andere es verdient haben geliebt zu werden - aus ganzem herzen. ich bin den schmerz und die angst und die wut leid, die sich daraus ergeben, immer nur funktionieren zu müssen, denn ich weiß genau, was ich eigentlich kann.
ich muss an f. denken und frage mich, was ich tun kann. die vermutung, durch absoluten zufall und auf merkwürdige art von einem einen sehr ähnlichen menschen gefunden worden zu sein. diese furcht vor hilflosigkeit.
und dann, vor fast drei jahren:
"Ich sitze in einem schwül-schwitzigen Bus, wie wohl viele andere heute auch. Durch ein paar sonnige Straßen fahre ich, vorbei an Autofahrern ohne T-Shirts, die frischgeschnittenen Laubzweige noch auf dem überladenen Anhänger; vorbei an der überlaufenen Eisdiele und dem glühenden Asphalt der Straße in Richtung Freital. Zerlaufen bin ich, in Luft zerlaufen bin ich, an meinen kurzen schwarzen Haaren schneide ich mich wie so oft in letzter Zeit, ich erinnere mich an den Geruch alter, vergangener Schulsommerferien. Frisch gemähtes Gras, der Geruch von getrockneter, warmer Erde an den nackten Füßen, ich ging immer barfuß durch den Garten, als ich noch klein war und wir noch einen Schrebergarten hatten, ich ärgerte mich früher maßlos über meine Schwester, wir stritten uns oft wegen des Lichts in dem großen Bett, das wir uns im Urlaub mit unseren Eltern teilten, ich dachte früher nicht, das ich mal sagen würde – “Familie? Das ist meine Schwester.” Und selbst heute komme ich mir noch komisch dabei vor, so voller Melancholie und Lethargie und Hilflosigkeit und angefressener Traurigkeit wegen etwas, von dessen Existenz ich nichts weiß. Der große Kloß im Hals wandert weiter in Richtung Herzgegend. Mir fällt auf, dass ich lange nicht mehr geschrieben habe, lange nichts mehr, das ich selber in ein paar Wochen gerne wiederlesen würde, ich komme mir vor wie ein Narzist, immer dieses ich ich ich ich. An mir vorbei zieht die alte Wismutanlage. Uran, so sagt man. Mancher, viele, andere sagen anderes. In ein paar Wochen sind viele Dinge eben so an mir vorbeigezogen wie die Sommer der letzten Jahre und die Erinnerung daran die bleibt, die ich idealisieren kann. Die Abende auf dem Londoner Dach im Sommerregen. Die Treffen mit meinen alten Freunden im Großen Garten, wir beobachteten oft den Sonnenuntergang, wir hörten bei Konzerten in der Jungen Garde zu, ich tanzte mit anderen durch leere Flaschen, ich weiß noch, wie ich sagte, ich sei betrunken, aber ich wusste, dass ich es nicht war, ich weiß noch, wie ich mir es so lange einredete, bis ich es wirklich war. Was ist nur passiert, frage ich mich, als der Bus langsam an dem Ristorante vorbeituckert. Ich zerlaufe in Luft, ich zerlaufe in Erinnerungen, in Vorahnungen an Dinge und Abschiede, die ich nicht ändern kann. Ich zerlaufe in Ideen, die ich nicht formulieren kann, ich will noch so vieles tun, bevor manche weiterziehen. Und ich quäle mich beim Aussteigen mit der Frage, was denn schlimmer ist – zu gehen oder zurückgelassen zu werden? Draußen ist es auch nicht viel wärmer, mein Kopf fühlt sich an, als wäre er angeschwollen, ich fahre mir durch die Haare, ich schneide mich wieder, ich schneide mich immer in letzter Zeit, dabei trage ich schon Pflaster an meinen Fingerkuppen und ich sehe zurück und ich sehe die Autos aus der Stadt rollen und wenige hinein und ich wünsche mich in den Großen Garten zurück, oder nach Russell Square, oder an den Strand von Brighton, ich wünsche mich an idealisiertes Vertrautes zurück und ich laufe kurz vor einem Auto auf die Straße ohne es zu merken und stehe auf der Verkehrsinsel, der Fahrtwind des Autos berührt sanft meine Ohren, ich gehe und bleibe stehen. Ich seufze und zähle Tage hinunter, Tage die ich mir später zurückwünschen werde. Und ich sehe hinunter auf zwei Städte, ziehe vorbei an Elektrokästen und der Garantie für meinen Breitbandanschluss und sehe eine Frau mit einem Fahrrad, das nicht mehr fahren will. Und ich schließe die Haustür auf und denke wieder an vergangenes. Vielleicht sollte ich bald mal wieder mit meinem Vater an der Elbe Rad fahren gehen. Den Dunst von frühen Morgen einatmen, wenn die Luft noch schwer ist und die Lunge schnell gefüllt bis zum Rand."
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hej. alles, was du sagst, ist wichtig.
ich danke dir.