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Donnerstag, 6. März 2014

this must be heaven, I must be a fool II

Untitled by smallcutsensations

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An manchen Tagen, so wie heute, kotzt mich das schwarze Loch in meinem Kopf mitten auf die Straße, zwischen die Steine, über die die U-Bahn rollt. 


Donnerstag, 21. November 2013

gold dust

Untitled by smallcutsensations

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Ich kann immer nur sagen wie das für mich war. Wie groß das schwarze Loch in meinem Kopf, wie tiefgreifend sein Kollaps war und wie groß seine Überreste sind. In all dem hatte ich Glück: zur richtigen Zeit die richtigen und sicherlich auch die falschen Menschen. Aber das tut nichts zur Sache.
Als ich begann, über das schwarze Loch in meinem Kopf zu bloggen (einige werden es auch unter dem Begriff „schwarzer Hund“ kennen), war das echt einfach für mich. Schreiben hat für mich immer ein Erfahren, Erleben, Verstehen, Interpretieren und potenziell auch Abschließen bedeutet. Wenn ich im Nachgang die Sprache von damals mit der von heute vergleiche, ist da schon ein großer Unterschied zu sehen, gelegentlich bin ich auf den Kopf und die Sprache von damals neidisch. Ich kann das nicht mehr in dem direkten Ausmaß. Man abstrahiert jetzt nicht mehr so viel, man codiert auch nicht mehr so viel. Das macht die Dinge leichter für mich selbst und gleichzeitig irritieren sie. Aber diese Sprache möchte ich nicht zu dem Preis, den ich damals dafür gezahlt habe. Ich finde es gut, ohne all die Filter zu leben beziehungsweise leben zu können, die ich vorher um mich herum angesammelt hatte.

Es gibt in Deutschland teilweise noch Ressentiments gegen an Depression erkrankte Menschen, mich regt das immer noch auf. In einer Dokumentation habe ich mal einen nun wieder genesenen Mann über seine Erkrankung sprechen hören, wie aus ihm schon zu Beginn herausbrach, dass die Aufarbeitung der Elemente, die zur Krankheit geführt haben, das Beste war, was ihm passieren konnte, dass er jetzt ein Mensch sei, der sich, im Gegensatz zu einigen anderen Menschen, sehr gut kennt. Dass er aber noch nicht einmal seinem ärgsten Feind wünschen würde, dieselbe Diagnose zu bekommen wie er. Dass man wohl zeitlebens, mindestens aber noch ein paar Jahre nach der Genesung ein Botschafter für den Umgang mit Depressiven bleibt. Ich könnte dem nicht noch mehr zustimmen als ohnehin schon. Und da ist es doch wieder wie bei anderen Krankheiten - wenn man etwas mal durchlebt hat, ist es trotz allem nicht komplett aus dem Körper heraus. Vor allem bei psychischen Erkrankungen, so zumindest mein Gefühl, muss man immer noch erklären, rechtfertigen oder sich verteidigen.
Man bleibt wohl zeitlebens Botschafter für seine Variante der Erkrankung. Man hat ein Bewusstsein dafür, dass Rückfälle geschehen können, aber man wartet nicht auf sie. Gelegentlich weiß ich nicht, wie ich darauf reagieren soll, wenn man mich fragt, was zu tun ist. Ich bin kein Therapeut, ich kann nur sagen, was mir geholfen hat. Dazu muss man sagen, dass ich fast zehn Jahre lang daran gescheitert bin, herauszufinden, was das eigentlich ist.

Dann sind da noch die Leute, die proklamieren, man wäre, weil man etwas überwunden hat, immer noch ein verrückter Mensch, jemand mit Vorbelastung. An dieser Stelle mag mir ein Vergleich erlaubt sein - hat man nach einem erfolgreich verheilten Knochenbruch immer noch einen gebrochenen Knochen? Hat man nach einer erfolgreichen Heilung nicht auch da wieder die Möglichkeit, sich den Knochen an der gleichen, gar an derselben Stelle zu brechen? Und woher kommt es, dass sich manche Menschen so merkwürdig von Narben angezogen fühlen? Das weiter auszuführen, würde zu weit gehen.
Wenn ich hier und dort noch darüber schreibe, wie es mir erging oder wie es sich jetzt anfühlt, dann mache ich nichts anderes, als meine Narben zu beschreiben. Sie sind noch vergleichsweise frisch - sicherlich fällt man von Zeit zu Zeit noch in alte Muster zurück - und ziemlich wetterempfindlich, aber es gibt nichts besseres, als zu spüren, wie weich diese neue Haut ist. Ich muss sie eben nur öfter eincremen als die alte.

Donnerstag, 14. November 2013

flood of blood to the heart

Untitled by smallcutsensations

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∆ 4

Wenn man lange genug hinsieht, spürt man das Licht flackern. Nichts davon war jemals von Bedeutung. Keine Handschrift, keine Filme, keine Worte.
Zeig mir bitte keine Bilder mehr von der anderen Stadt. Ich könnte trotz allem versuchen, wegzulaufen.

//

030113 (Retrospektive):
Vater war da. Man sieht, dass er Schwierigkeiten damit hat, mich hier zu besuchen. Auf einmal wird das greifbar für ihn, glaube ich, was er seit Monaten nur so halb mitbekommen hat. Er sagte, sein Vater war zwei Mal in einer Psychiatrie, aber das war in der DDR und wegen dessen Alkoholsucht. Ich glaube, dass ihn es sehr geschockt hat, ihn dort zu sehen, der Mann, der sein Leben kaputtgemacht hat, jetzt ganz kaputt. So schlimm es klingt, ich bin sehr froh, ihn nicht mehr kennengelernt haben zu müssen, ich weiß vor allem nach dem Aufenthalt hier nicht, wie ich ihm begegnen sollte. Alle Alkoholiker hier sind, gut, dank Tabletten etc. pp, die wehrlosesten, schutzlosesten Etwasse, die mir je begegnet sind. Schutzlos, da ohne den Alkohol, wehrlos, da sie immer noch glauben, sie hätten nichts falsch gemacht.
Die Frau eines der Erkrankten kommt täglich, sie sitzen hinten in der Ecke, wo sonst die Frau sitzt, die immer so still ist und kein Wort sagt und immer auf ihre Hände starrt und sie sagen immer wieder dasselbe. Ich hab dich doch so lieb, alles wird gut, aber du hast mir so böse Worte gesagt, ich weiß, dass du die nicht so meinst. Dann denke ich an so manchen Domian Anruf und dass man sich irgendwann von Menschen zurückziehen muss, wenn sie einem nicht mehr gut tun und dann frage ich mich, inwieweit man das auf mich münzen kann, denn das Vergangene tut mir nicht gut, tut mir weh, aber irgendwie... ebbt alles so langsam, so sehr sehr langsam ab. Ich kann mich nur einmal totkämpfen, der Aufenthalt hier sollte mir eigentlich eine Lehre sein.


a wave
an awesome wave
that rushes skin and
widens in blooded veins

Sonntag, 13. Oktober 2013

girl, you know you've got to watch your health




fünfundvierzig
Das ist also die letzte Sitzung. Ich bin viel zu früh da, glaube ich. Es ist Ende Juli, ich wollte erzählen von Dingen, die vorgefallen sind. Aber ich warte noch: auf eine Hochschulzulassung, auf ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft und auf ein weiteres Wort von anderer Stelle. Doch nichts ist passiert und nichts kann ich erzählen. Die letzte Sitzung und es geht mir sehr komisch um im Magen, ich sehe, dass wir uns alle verändern und dass es Routinen gibt, an die man sich gewöhnen kann, weil man sich mit ihnen wohlfühlt. Und jetzt sitze ich in einem Therapieraum, der temporär zum Wartezimmer umfunktioniert wurde.

Eine etwas ältere Frau, die mir gegenüber sitzt, füllt gerade den Eingangsfragebogen aus, ich kenne noch die Seiten und die Fragen. Im Raum ist es stickig, draußen ist es viel zu warm. Dann höre ich wieder, wie sie die Treppe herunterläuft. Ich stehe auf, vorher kritzele ich noch schnell einen Satz in mein Notizbuch.

Sie fragt mich, wie es mir geht, sie lacht und ich weiß, dass sie weiß, wie ich antworten werde. Es geht mir gut, aber ich bin auch auf der anderen Seite sehr traurig. Wir besprechen, was es war, wir erinnern uns und es ist fast schon schlimmer als "Gehen" - die Sitzung wird zu einem Abschluss, von dem lange Zeit nicht absehbar war, ob es einen geben wird. Ich danke ihr für alles, was sie für mich getan hat. Ich weiß, dass ein großer Teil davon nicht selbstverständlich war. Haben Sie ein Wort oder einen Talisman, den Sie mit der Therapie verbinden? Ich werfe zum ersten Mal seit anderthalb Jahren das Wort "Scherbengewitter" in den Raum. 
Ich muss da spontan an ein Mosaik denken. Sie lächelt.
Mein Grundgedanke war ein Spiegel, der zerbrochen ist, aber wieder zusammengesetzt wurde. Dann ist da kurz meine Angst. Dass etwas verlorengegangen ist von meiner Art, die Dinge zu sehen und zu beschreiben.
Vielleicht ist es einfach so, dass Sie Ihre Umgebung nicht mehr im Prozess des Schreibens leben, sondern dass Sie sie aktiv erleben, während Sie sich in ihr befinden, in der Situation oder in der Interaktion mit einem anderen Menschen. Ich nicke, aber damit komme ich noch nicht so zurecht. Trotz allem oder gerade deshalb: es geht mir gut. Und die Wehmut kommt. Wir sprechen über Dinge, über die wir monatelang nicht geredet haben; jetzt, wo wir sie aussprechen können, ist es noch familiärer, vertrauter und ich bin noch dankbarer.
Dann ein Ende und ich gehe das letzte Mal die Treppe aus dem ersten Geschoss nach unten. Merkwürdig, ich glaube, ich habe gerade mein Herz in meine Füße rutschen hören.

Diese Sitzung ist schon lange her (und ich will und werde auch nicht mehr dazu schreiben, denn das mehr ist meins) und aus irgendeinem merkwürdigen Grund sind die letzten anderthalb Jahre so sehr in mir drin und gleichzeitig so aus mir herausgebrochen, dass ich es kaum glauben kann, dass es das alles gab. Hilfe suchen. Diagnose. Therapie. Kostenübernahme. Schnelle Besserung und Stabilisierung. Schneller Verfall. Psychiatrie. Langsames Hochkommen. Langsam, aber stetig. Keine zwingende Notwendigkeit mehr.

Anfang 2012 schrieb ich, dass ich nicht glaube, dass ich jemals so glücklich sein kann wie andere Menschen. Heute weiß ich, dass ich jahrelang an einer Depression bzw mittelschweren bis schweren depressiven Episoden litt. Zumindest in meinem Umkreis ist das Thema kein Tabu und mich macht dies stolz. Zu oft hört man, wie mancher diskreditiert wird wegen einer Erkrankung, weil man sie nicht sehen kann wie den Gips um ein gebrochenes Handgelenk oder ein gebrochenes Bein. Weil es Sachverhalte aufrüttelt, die nicht nur im eigenen Brustkorb brennen, weil es immer aus Begegnungen, Verhalten, Bewertungsmustern her gespeist wird. Dieses schwarze Loch im Kopf, das böse Wort, das mit "D" anfängt. Man sollte sich folgendes merken: wir brennen alle, manchmal brennen wir uns fest und, wenn es ganz schlimm kommt, brennen wir aus. 
Es ist alles schon ok, solange man auf sich aufpasst, sich beobachtet. Mich hat meine Erkrankung und die Auseinandersetzung damit weitergebracht, ich bin fast schon so weit, zu sagen, dass es gut war, dass die Begebenheiten so kamen, wie sie kamen. Es geht mir gut und ich kann wieder atmen. Momentan fließe ich die Friedrichstraße nach oben und nach unten wie ein Sonnenstrahl. Ich fühle mich gut und ich weiß, dass das gerade ein Normalzustand ist. Das Bewusstsein, dass es nach unten und nach oben gehen kann, läuft mit. Ebenso ein potenzieller Rückfall, damit muss man immer rechnen. Nur kennt man sich jetzt, lebt und liebt sich besser. 

Und allen Menschen, die mit mir ein Stück des Weges gegangen sind und allen, die noch mit mir gehen und mit mir gehen werden, bin ich dankbar. Nichts ist selbstverständlich, vor allem nicht die eigene Gesundheit. Passt auf euch und die, die ihr liebt auf. Mir geht es gut.


(Grimes - Oblivion)

(Fotos; links oben: Tag der Entlassung am 6.1., alles weitere: Berlin, aktuell)

Dienstag, 6. August 2013

050213 (p)

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Eben erreichte mich eine Mail von FutureMe. Stand: Februar.

Dear FutureMe,

Du fragst dich immer, was das Leben für dich bereithält. Auf der einen Seite magst du es, Dinge vorherzusagen, auf der anderen Seite magst du es, Dingen aus dem Weg zu gehen. 
Aber du wirst gehen. Du hast Angst. Du hast das Gefühl, du bist immer zu spät dran: dieses Verstecken in Hoffnungen, Gefühlen, Ängsten. Du sagst immer, die Dinge werden gut, das werden sie aus deinen Augen immer für die anderen, aber werden sie es auch jemals für dich? 
Wovor hast du Angst? Was glaubst du, was noch auf dich wartet? 
Ist es Einsamkeit? Fehlender Anschluss? Überforderung? Die Konfrontation mit der eigenen Individualität?

Du hast dir immer gesagt: "auf mich wartet niemand." Du hast geweint, für Jahre, seit du vierzehn warst, seit du diese Hochs und Tiefs kanntest, das war normal, du wolltest dich selbst retten und wusstest doch nicht, wie genau das nun eigentlich gehen soll. Nun weißt du wie. Du hast es doch schon getan. 
Es ist okay. Okay, nicht zu wissen was wird. Ängste sind normal, vor allem die, die sich mit der Nichterfüllung der menschlichsten Ursehnsüchte beschäftigen. 
Manche Menschen liebst du auf den ersten Blick und das sind die, die du "zu Hause" nennst, das sind die, bei denen du dir Gedanken gemacht hast, wie es für sie sein muss, dich gehen zu sehen. Du fragst dich das sehr oft. Du magst es nicht, wenn dir das Leben aus den Fingern rinnt, du magst es nicht, wenn es dir zwischen den Fingern kleben bleibt.

Du triffst Menschen, bei manchen soll es oberflächlich bleiben, aber du interessierst dich für fast alle, du willst wissen, was sie zusammenhält, was in ihnen schlägt. Aber du willst deine Armlänge Sicherheitsabstand. Früher war es ein Soll-Ist-Vergleich, heute ist es der Wunsch danach, Gedanken mit ihnen und durch sie filtern zu können.
Gerade jetzt, gerade jetzt, wo dir die Leberflecken selbst auf der Haut auf den Schlüsselbeinen wachsen. Erinnerungen an die Erzählung von dem Mann, der dir sagte, der Ellenbogen sei der härteste Punkt des menschlichen Körpers. Nicht zu vergessen: die Haut mancher Menschen ist noch härter, vor allem die von ihm.

Aber vergiss nicht: du lebst, hast Luft in den Lungen. Du wirst schreiben und du wirst fotografieren. Du atmest, du setzt gerade an zum Sprung.

Ich warte darauf, dass du mir sagst, was diese Worte in dir auslösen. Ich warte darauf, dass du mir zeigst, wie du bist.

Alles Liebe

Ein vergangenes Du


Mittwoch, 10. Juli 2013

go out and love someone

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März 2012 & März 2013

dreiundvierzig
Ich verspreche, dass das alles besser funktionieren wird. Dass ich schneller werde, dass ich mir mehr annehme. Die immer wiederkehrende Frage nach meinem Gemütszustand, ich antworte immer bestimmter. Von einem zaghaften, überraschten "Ich glaube, dass es mir gut gehen könnte" zu einem "ich finde, es geht mir gut" zu einem "es geht mir gut" war es ein langer Weg, die Pausen zwischen den Sitzungen haben mir bestimmt ebenso geholfen.
Wir sprechen über den Studienabbruch, darüber, was ich wohl meiner Mutter sagen muss, was wohl mein Vater meiner Mutter sagt. Und dass ich wieder keinerlei Lust habe, zu meinen Eltern zu fahren, obwohl es nur einmal quer durch die Stadt geht. Danach rege ich mich auf, sage, dass ich mich momentan nicht wirklich wohlfühle, dass ich bemerke, wie ich gewissen Situationen schon wieder aus dem Weg gehe, dass ich mich jetzt schon wegwünsche. Dass ich trotzdem Angst habe. Wie hatten wir gesagt? Die Angst sagt: hier geht es lang. Vielleicht kann ich das wirklich auch mal so leben. Sie haben eine gewisse Verantwortung, eine gegenüber sich selbst und eine gegenüber anderen Menschen, Ihren Mitmenschen. Das mit der Verantwortung muss mancher auch erst lernen.
Was mich die letzten Monate schwer beschäftigt hat, nimmt immer mehr ab, ist in dieser Sitzung beinahe nicht mehr existent. Ich muss mich daran erinnern, wie sie immer sagte, dass der Abschied, der Verarbeitungsprozess in Wellen, in Phasen abläuft, dass man auch Rückschläge hat, dass man aber das mit der Retrospektive nicht machen sollte. Alles, was Sie in diesem Kontext entschieden hatten, war für Sie zum damaligen Zeitpunkt richtig. Man kann sich beruhigen, man kann zurechtkommen, man kann das mit dem "Leben", das, was erst so komisch zwiebelt, schaffen.
Sie und ich sehen aus dem Fenster, irgendwie erwarten wir beide wohl den Sommer.

vierundvierzig
Trotz allem noch die Befürchtung, dass irgendetwas schief geht. Nein, nennen wir es einfach Grundangst, Misstrauen und Infragestellen. Um mich im Wartezimmer scheinen ein paar neue Gesichter zu sitzen, sie sehen so ähnlich aus wie ich vor einem Jahr, irgendetwas trauriges haben sie an sich und ich fühle mit. An einigen Tagen ist das so, als würde man alte Wunden aufreißen, nur damit sich die Anderen nicht so alleine fühlen müssen in ihrem Schmerz. Gesund ist das selten, aber ich mache es trotzdem, ich habe es mir nicht anders beigebracht und ich habe mich immer dagegen gewehrt, diese Eigenschaft zu verlernen.

Im Laufe der Therapie habe ich Fragebögen ausfüllen müssen, ganz am Anfang, in der Mitte der Therapie, jetzt. Sie gibt mir die Auswertung, sie strahlt, ich strahle, was ich da sehen kann, kann ich beinahe nicht glauben. (Zwischenbemerkung: ich teile solche persönlichen persönlichen Sachen nicht gern, aber ich finde, in diesem Rahmen ist das in Ordnung.) Bei allen Punkten bin ich nicht mehr im klinischen Bereich, ich habe zwar noch eine milde Form der Sozialphobie, aber die ist nicht klinisch, die engt mich nicht so sehr ein wie vorher.




Wir sehen uns Videoaufzeichnungen an, diese Aufzeichnungen waren ein Teil der Voraussetzungen für meine Therapie am Institut. Sitzung zwei. Ich erinnere mich, damals hat es geblutet, ich habe viel geweint. Mein Festkrallen an dem Schmerz von damals. Ich muss noch damit zurechtkommen, dass ich nicht mehr leide. Wann auch immer ich innerlich Schmerzen hatte, war ich am kreativsten. Jetzt muss ich mich selbst zum Leiden bringen, schreiben oder fotografieren und dann aus diesem Loch herauskommen, allein; fast auf Knopfdruck. Sitzung vierzig. Wissen Sie, jetzt sitzt da eine gestandene Frau, das ist eine komplett andere Körpersprache. Vorher eingefallen, in allem. Ich will mir nicht leid tun, nein, das alte Ich darf mir nicht leid tun. Wir hören uns an, was wir damals gesprochen haben. Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich so sehen? Es macht mich traurig und stolz. Traurig, dass es mich in dieser Form gegeben hat, stolz, weil ich jetzt am Leben teilnehme. Deshalb hatte ich mich bei der letzten Sitzung gefreut, dass Sie sich über etwas aufgeregt haben. Weil es etwas Alltägliches sein kann, weil das heißt, dass Sie sich nicht selbst fertig machen.
An der Wand neben dem Fernseher hängt ein Zettel mit Hinweisen für die Einstellung des Videorecorders. Richtig und suboptimal. Zu gerne würde ich wissen, wieso man das Wort falsch vermieden hat, dann sage ich ihr, dass da eines meiner "Lieblingsworte" an der Wand steht. Wir lachen beide. Ein paar Sachen besprechen wir noch, sie wird mir fehlen.
Die letzte Sitzung schieben wir auf den letzten Montag im Juli. Wehmut ist da schon ein bisschen dabei. All das, was in der letzten Zeit, im letzten Jahr, in der Zeit seit meiner Kindheit war: wer weiß, wofür es gut war. Wir lächeln beide.

Die Linien vor meinem Fenster sind zu dicht, sie flackern. Draußen das sommerliche Atmen der Luft. Der Mann vom Spätshop gegenüber Evas Pizza fragt mich, wo ich in der letzten Zeit war, ob es mir gut geht, ob ich gesund bin, er habe mich so lange nicht gesehen und sich Sorgen gemacht. Ich muss grinsen, auf den Tresen lege ich das Kleingeld. Einen schönen Tag wünsche ich ihm, gehe zurück auf die Straße und laufe nach Hause.

Helplessness is the last thing I am looking for

Mittwoch, 19. Juni 2013

your ex-lover is dead

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neununddreißig
Ort A, Ort B. A: wohlig-warm, hell, irgendwie unpersönlich, aber meins, transferierbar an alle Orte, an denen ich sein kann. B: abstoßend, wenn auch realer, hässlicher. Wir betrachten Abzüge von A und B. Was machen die Orte mit Ihnen? Ich sage ihr, dass ich mich in der Hohen Straße wohlfühle, obwohl man eigentlich denken könnte, es würde einem gerade hier schlecht gehen. All die Schmerzen von anderen Leuten, konserviert in den Dielen und dem Sofa und den Sesseln und geschrieben auf das Flipchart. Stimmt, wenn man es so bedenkt, ist das ein Zwiespalt. Und der andere Ort? Oft kommt das Wort irgendwie, ich kann ihn nicht so recht benennen. Es tut weh und er tut mir nicht gut, das ist irgendwie eine Art negative Nostalgie. Andere nennen es zu Hause oder Heimat, ich wünschte mir, der Ort würde abgerissen, abgebrannt, zu einer Wiese verwandelt. Damit das Leben in Boxen aufhört, konservierte Schmerzen, damit richtiges Leben anfangen kann und ich mich nicht mehr so lebendig daran erinnern muss.
Dieses Mal ist es mir beinahe schon peinlich und ich lache viel. Nein, peinlich ist es nicht, nur bis zum äußersten Grad unangenehm. Wie geht es Ihnen damit? Ich weiß es nicht so wirklich, ich bin verwirrt. Das kann ein gesunder Schritt in dem Abschiedsprozess sein. Was macht es mit der Wunde? Ich weiß es nicht. Mein Bauchgefühl ist wieder da und auf der anderen Seite lachen sie mich aus und dann ist da das komplette Abplatzen meiner Maske und ich habe mich so erschrocken, das Stunden später zu lesen und zu sehen, dass ich mich schon wieder so nach außen gekehrt habe, dabei wollte ich das doch nicht mehr. Dieses nach außen, dieses Offenlegen, das nie ernstgenommen wird, vielleicht, weil ich es nie richtig gelernt habe. Und es wird sowieso nichts ändern,  Finden Sie? Wie war es denn früher? Denken Sie an den Störungsbaum, an die Lebensgebote. Ich schreibe sie auf einer Karteikarte auf, fein säuberlich. Die Lebensgebote kommen mir weit entfernt vor, nur meine Schrift erkenne ich so richtig.

Es riecht nach Tod, unaufhaltsam; Schuldbewusstsein: er stört kaum, er ist lange schon erwartet. Die Manifestation der Abwesenheit einer Person. So abgebrüht bin ich nicht, Maske invertiert: durchaus.

vierzig
Ich sitze da und lache, ich glaube, ich lache schallend. Neben mir die große Tüte von IKEA, die ich mit Sachen gefüllt habe, die ich bei meinen Eltern hatte; heute gehe ich wieder zurück nachhause. Nachhause? Wo auch immer das ist. Jetzt bin ich aber erstmal hier.
Sie schaut irritiert auf die Tüte und auf mich, wie ich da in der Halbsonne sitze und lache. Ich kann es verstehen, sie kennt mein hilfloses Lachen. Jetzt ist es aber nicht hilflos. Ich lese vor, viel, sie sieht mich an und ich sehe, wie sie mich verwundert ansieht. Das macht ja alles komplett überhaupt keinen Sinn. Das sage ich ja auch, was soll das? Und wenn Sie das direkt mal fragen? Da kann ich mir noch mehr Spott abholen. Als hätte man das Recht, sich auf einen Sockel zu stellen und so zu tun, als wäre alles in Ordnung gewesen, das stört. Und als hätte ich mir alles nur eingebildet, als wäre ich die Einzige mit dem Problem. Als wäre ich, die Hilfe hat, diejenige, die Rettung braucht.
Ich erzähle ihr, was mir in der letzten Zeit aufgefallen ist. Was für eine Art von Beziehung möchten Sie eigentlich führen? Ich überlege etwas länger. Ich will eine Verbindung, die mich fordert, mich aus mir herauskitzelt, einen Menschen, mit dem ich auf den verschiedensten Ebenen gut kann, auf der künstlerischen, auf der intellektuellen Ebene. Irgendwie blute ich viel lieber intensiv als dass mich noch nicht einmal irgendetwas berührt. Und ist es bei solchen Arten von Beziehungen nicht eine Art Konsequenz, dass das Danach, das Ende, schmerzhaft und einschneidend sein kann? Treffer, versenkt. Und möchten Sie eine Beziehung haben oder führen, die Sie persönlich als unterdurchschnittlich betrachten, als "ich habe jemanden, damit ich nicht alleine bin?" Treffer, versenkt. Nein, dazu bin ich mir wirklich zu schade. Und möchten Sie wirklich jemanden an Ihrer Seite, der Sie nicht respektiert, der Ihnen einredet, was Sie zu glauben haben, der Ihre emotionale Intelligenz permanent in Frage stellt oder sie gar versucht Ihnen auszureden? Um Gottes Willen, nein. Das ist so wie die Gespräche darüber, dass ich ja jemanden brauche, der sich finanziell um mich sorgt. Ich kann für mich selbst sorgen. Ich bin allein schon genug, ich sehe das andere als das Tüpfelchen auf dem i. Und ich erwarte Freiraum. Gut, ich könnte mir nämlich auch nicht vorstellen, mit jemandem zusammen zu sein, der nicht emotional intelligent ist und ich denke, für Sie gilt dasselbe.
Wir erörtern das drumherum, ich frage nach, wie das mit anderen Störungsbildern ist. Manche müssten ein Leben lang Medikamente nehmen, um ihre verschiedenen Tendenzen im Gleichgewicht zu halten. Ich erschrecke, sage ihr, eigentlich habe ich ja fast schon Glück gehabt, sie nickt. Aber Sie haben auch genügend Einsicht, Sie arbeiten an und in sich. Ich weiß nicht, ob das viel Sinn macht, auf jeden Fall aber bin ich irritierter, als die Sitzung um ist. Und trotzdem geht es mir immer besser.

einundvierzig
Mir fällt auf, dass ich es immer weniger "brauche", dass ich immer weniger abarbeiten muss; ich denke, dass das ein gutes Zeichen ist. Man hat mich mal gefragt, inwieweit eine Therapie das eigene Leben übernimmt und ich wusste nicht genau, was ich sagen sollte, ich sagte, es wird einem nicht das leben abgenommen, wenn dann wird es vielleicht einige Zeit geleitet. Ich weiß noch nicht, wann und ob ich ihr das sagen soll, ob erst in der letzten Sitzung oder schon jetzt; für den Moment lasse ich es.
Sie lächelt, ich ziehe eine Schnute. Es war komisch, aber ich bin jetzt ein Jahr älter, immer noch so wie vorher, jetzt offiziell ohne Kindergeld, habe in Berlin mit dem Mietwagen keinen Unfall gebaut und habe mich auf der einen Seite sehr sehr wohl und auf der anderen Seite sehr angespannt gefühlt. Sie lacht, als ich ihr sage, wir hätten danach gegoogelt, wie genau das beim Mini mit dem Licht funktioniert. Und dass wir nichts gefunden hätten. Sie erzählt mir davon, dass sie eine Zeit lang das Gefühl hatte, sie sei noch fünfundzwanzig. Daran kann ich auch nichts verkehrtes finden. Der Gedanke an meinen Vater, der mir sagte, ich sehe jetzt auch erwachsen aus, passend zu meinem Inneren, das schon viel früher da war, wo mein Körper jetzt ist - deckungsgleich: Herz, Intelligenz, Körper.
Sie passen auch irgendwie besser nach Berlin, oder? Das sagte ich die ganze Zeit, ich sage ihr ebenso, dass ich mich jetzt schon darauf freue, öfter in Hamburg sein zu können, bei S, wieder auf den Landungsbrücken zu stehen und mir zumindest vorzustellen, ich wäre gleich am Meer. Auch wenn das, an dem ich stehe, mit großer Wahrscheinlichkeit auch schon durch Dresden durchgeflossen ist.
Mir sind ein paar Sachen aufgefallen bei dem Vergleich den ich ziehen sollte zwischen meinen Ansprüchen an meine Beziehung und dem, was ich erlebe und sehe und fühle. Und wie traurig mich manches gemacht hat. Wissen Sie, es ist so, dass jeder seinen eigenen Rucksack zu tragen hat, mit Steinen die leichter oder schwerer sind als die, die in Ihrem Rucksack sind. Sie müssen diesen Rucksack nicht für die anderen tragen. Das weiß ich, nur weiß ich nicht, wie ich helfen kann. Sie haben Ihren eigenen Rucksack, Ihr eigenes Päckchen, das reicht. Wichtig ist, dass Sie da sind. Ja, schließlich war ich viel zu lange nicht da, auch wenn ich physisch anwesend war. Ist es jetzt besser? Es ist besser, es geht besser, ich habe das Gefühl, dass ich lebe. Dass ich mich nicht mehr durch Stacheldraht rolle. Merkwürdig, dass ich früher dachte, eine Therapie könne mir nicht helfen, dass ich nie glücklich sein könnte. Ihre Form von Glücklichsein hat eine andere Qualität, geht die nicht viel tiefer in Sie hinein? Das ist auch wahr.

zweiundvierzig
Wir sind diesmal in einem anderen Raum, eigentlich nur nebenan, er ist kleiner, die Fenster ebenso. Ich muss mich erstmal sammeln, ihr sagen, was ich mir lange schon bereitgelegt habe, seit den letzten beiden Sitzungen. Dann sehe ich sie an und sage, ich habe Lust mit Liebe vermischt, womöglich sogar verwechselt, aber dass das alles keine Bedeutung mehr habe, dass es mir gut geht, vor allem ohne ihn und ich sie fragen musste, ob ich mich deswegen schuldig fühlen müsse. Sie hatten ja, finde ich, schon seit Monaten angedeutet, dass Sie diese beiden, also Lust und Liebe, durcheinander gebracht haben, aber ich finde das ganz und gar nicht schlimm. Wann und wo hätten Sie denn etwas anders gemacht? Ich nenne zwei Ansatzpunkte, aber das ist der Fehler der Retrospektive, das alles konnte ich ja nicht wissen. Ich konnte nicht wissen, wie es mich zersetzen würde und ich könnte nicht wissen, dass ich doch nicht den Kern sah sondern eine Maske. Sie sieht mich an. Ich glaube, Sie haben alles richtig gemacht und es stimmt, wenn Sie damals das Wissen von heute gehabt hätten, hätten Sie wohl schon viel eher gesagt, was Sie zuletzt mitteilten. Nur fühlt es sich ja nie so einfach an, denn selbst am Ende war ich noch viel zu vergebend. Wie meinen Sie das? Mir flattern verschiedene Begriffe durch den Kopf und dann denke ich an die Masse an Häuten aus denen ich gewachsen bin seit August und dann sage ich ihr, dass ich, hätte ich die Worte vom Mai im Dezember gelesen, nicht mehr leben würde. Sie nickt, sie hat es verstanden.
Es gibt Dinge, die werde ich nie hinterfragen, die stehen für sich da und das ist gut so. Und wenn es mal zu einer Zufallsbegegnung kommt? Daran will ich nicht denken, aus jetziger Sicht würde ich der Person vor die Füße spucken und gehen. Es gibt immer Dinge, die man nicht weiß, Dinge, die man sich erdenken muss, aber mit dem heutigen Wissen muss ich sagen: ich will gewisse Menschen nie wieder sehen, ihre Bedeutung haben sie selbst mit sich aus meinem Leben herausgerissen. Und was ziehen Sie für sich selbst daraus? Ich war stark, für einen Menschen in den verschiedensten Stadien und ich habe meine persönliche Grenze greifbar gemacht, habe meine Notbremse gezogen, weiß jetzt, was ich will, weiß, was ich wert und wie stark ich bin, weiß, dass es in Ordnung ist, sich für einen Menschen so aufzureiben, einen, bei dem man für ein paar Minuten ein zu Hause hatte, dass es in Ordnung ist, zu kapitulieren, dass es in Ordnung ist, zu trauern um einen Menschen, der weg ist.
Das ist mehr, als die meisten behaupten könnten nach so einer langanhaltenden Berg- und Talfahrt wie bei Ihnen. Das vielleicht, aber ich bin froh, dass die Grausamkeit endlich ein Ende gefunden hat, das mit den Schmerzen hat mir für ein halbes Jahr gereicht. Trotzdem wären Sie, nüchtern betrachtet, ohne diese Erlebnisse, nicht die Person mit dem Erfahrungsschatz wie Sie sie heute sind. Was sie sagt, stelle ich nicht in Abrede. Das ist das, was ich nie in Frage stellte und das ist das, wofür ich dankbar bin. Ich lebe noch oder besser gesagt, wieder und das ist das wichtigste, der Rest ist mir gleich. Indifferenz ist eine Schutzfunktion und Ausschlachten werde ich das Thema sicherlich noch auf meine eigene Art und Weise, aber es tut nichts mehr weh. Ist da etwas anderes außer Indifferenz? Wut wäre unverdient, die Energie kann ich für anderes gebrauchen, fürs Leben, fürs Genießen. Es gibt den feinen Unterschied, dass ich mit mir selbst leben kann, ohne wie ein Kartenhaus umzufallen. Aber ich will das nicht weiter thematisieren und dem Ganzen eine Wichtigkeit zuordnen, die es seit Monaten eigentlich nicht mehr hat. Ja, da ist bei allem die Crux, auch bei Sitzungen hier. Eben dass man gewissen Dingen eine Wertigkeit zuordnet, was das alles in Bewegung hält, man sich aber auf der anderen Seite davon lösen will.
Ich frage sie, wie das eigentlich bei mir damals ablief, da ich so schnell schon einen Therapieplatz bekam und es alles so schnell anfing. Neben ihr ist ein großer Stapel, meine Akte liegt ganz oben, sie ist die dickste von allen, sie blättert ganz an den Anfang. Es war zumindest nicht so akut, als dass wir Sie direkt in eine Klinik hätten weiterleiten müssen, also dass Sie alleine nicht lebensfähig gewesen wären. Irgendwie bin ich erleichtert. Aber man sieht sehr deutlich, wie schlecht es Ihnen ging. Womit sie nicht rechnet, ist, dass ich ihr danke, dass ich das Gefühl habe, ich hatte sehr viel Glück, dass ich sie als meine Therapeutin bekommen habe. Ich glaube, wir haben beide viel Glück bei unserer Mischung. Ja und ich habe das Gefühl, ich komme viel besser zurecht, ich brauche die Sitzungen nicht mehr so dringend wie früher, wo ich mir dachte, ich muss zur Therapie, wo ich immer viel zu früh kam, weil ich nicht mehr zu Hause sein wollte. Das freut mich sehr, ich denke, dass das das größte Kompliment ist und auf den Erfolg der Therapie zeigt. Mir wird es schwerfallen, nicht mehr herzukommen, aber ich weiß, wie ich mit mir leben kann. Dann sage ich ihr, dass ich mein Studium abbreche, das ist eine logische Konsequenz. Mir hätte das letzte halbe Jahr nicht passieren dürfen, mir hätte die Klinik nicht passieren dürfen und so ein paar andere Begebenheiten, eigentlich hätte das ganze letzte Jahr nicht passieren dürfen. Aber es ist keine verschenkte Zeit.
Am Ende planen wir die letzten drei Termine. Merkwürdig. Es geht mir gut.

I'm not sorry it's over
I'm not sorry there's nothing to say

Mittwoch, 12. Juni 2013

milk & black spiders

Untitled by smallcutsensations

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Ich erinnere mich nicht mehr daran, ob es meine Haut ist, die sich weitet, der Container also, oder ob es der Inhalt ist. Viel zu viel vergessen, viel zu viele Farben verpasst, ein Leuchten im Nass, mal grün, mal blau, mal golden, als würde sich das Ich eines Du, das ich mal kannte, vor meinen Augen aufspalten. Mir nicht mehr bekannt ist, um welches Du es sich handelt. Die Anschläge auf der Schreibmaschine, sechzig lang, dreißig tief, rekonstruieren und erklären das Präteritum. Oder ist es wieder das Problem mit der Retrospektive?
In meinem Fleisch, in der Wunde, muss ich nicht mehr herumwühlen, die Wunde ist zu, schließlich habe ich immer Salbe draufgeschmiert. Und jetzt berührt mich das alles noch nicht einmal mehr. Das Hervorschieben des Filters an Stellen, an denen es gesund ist.

Es sei versprochen, alles bis zur zweiundvierzig kommt noch. Ich hatte es lediglich verwechselt mit Schmerz, dabei war der nur temporär. Zum Glück ist dieser Spuk endlich vorbei.


Green, broken glass ocean
You break me, slow motion
No map, no message
It's the deep, blue screen I know
Cause I know you're still with me

You my compass and my sea

Freitag, 3. Mai 2013

supermassive black hole / so cruel and kind

Untitled by smallcutsensations

Untitled by smallcutsensations

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Oft habe ich in letzter Zeit die Frage gestellt bekommen, was nun eigentlich dieses ominöse schwarze Loch in meinem Kopf sei, wie es sich manifestiere, wie es tatsächlich aussieht, wie es sich anfühlt. Um es ganz klar zu sagen: es ist wie Treibsand und es tut weh. Bei mir manifestiert es sich in einer ganz deutlich nach unten gerichteten Gedankenspirale, körperlich in stillem Schmerz und dann in Problemen beim Luft holen, es ist so, als würde man gleich anfangen zu hyperventilieren. Oftmals ist es nur ein minimaler Reiz, der diese heftigen Reaktionen auslöst. Man kann es auch vergleichen damit, dass man auf einmal diesen unheimlichen Drang danach hat, im Wald spazieren zu gehen. Es dämmert schon, aber man bemerkt es nicht, bemerkt es kaum, läuft immer weiter ins Dunkel  hinein und dann, wenn es schon lange zu spät dazu ist, umzukehren, stellt man fest, dass man auch keine Taschenlampe mitgenommen hat. Also harrt man aus im Dunkel und ergibt sich. Mittlerweile lasse ich mich kaum bis selten bis gar nicht mehr auf diesen Spaziergang ein, wenn, dann nehme ich eine Taschenlampe mit und bin mir bewusst, dass es garantiert auch wieder Tag wird. Ich blute mich nur noch aus auf Papier, sei es Fotopapier oder das Papier meines Notizbuchs.
Aber weil die Fragen nicht nachlassen, eher im Gegenteil, und ihr teilweise auf den Seiten hier einzelne Elemente des Dings in meinem Kopf finden könnt, habe ich mich seit langem mal komplett darauf eingelassen und es aufgeschrieben. Partiell ist es mir unangenehm, ja, fast schon peinlich, was hier gelesen werden kann, meine Schutzmechanismen, meine angelernten und antrainierten Selbstverteidigungsmechanismen haben schließlich nicht funktioniert. Auslöser hier war ein Gespräch bzw Nicht-Gespräch mit meiner Mutter sowie ihr Verhalten bzw Nicht-Verhalten.

Ich warne, es wird dunkel. Stockfinster, um genau zu sein.

"Ich habe viel gelernt, aber ich werde nie gesund sein. Oder normal wie die anderen. Ich werde das mit der Liebe nie verkraften und ich werde daran vergehen; bis ich irgendwann unter einem Zug liege oder mich nochmal ertränken will.
Ich lerne nicht dazu, ich lerne nie dazu. Meine Worte bedeuten nichts, das haben sie nie; sie sind unterdurchschnittlich und mir einzureden, ich wäre etwas besonderes hat fast etwas von einer Farce. Ich bin es nicht wert, dass man sich um mich bemüht oder kümmert. Ich bin ein egoistisches Arschloch und ich nehme mehr als ich gebe, immer.
Ich habe Angst und die lähmt mich, ich habe Angst davor, dass das, was meine Mutter über mich sagt, stimmt. Dass F recht behält, dass alle hinter meine Geschichte sehen können und nur den Haufen Elend sehen, also das, was ich eigentlich bin. Was ich wirklich bin, diese dunkle hässliche Fratze mit dem suboptimalen Genpool. Nicht mehr.
Ich sauge und lauge die Menschen aus, ich bin toxisch. Ich will nicht mehr leben.

Ich war immer nie genug. Denkst du echt, da wartet irgendwo irgendwer auf dich? Du bist echt dümmer als ich dachte.
Ich beweise mir immer das negative Gegenteil. Wollen Sie wirklich diese selbsterfüllende Prophezeiung sein?
Ich weiß nicht, wieso ich eigentlich noch hier bin. Niemand verbietet dir, dass du fühlst.
Ich werde nie ein normales Leben führen. Ich werde keine Kinder gebären. Ich werde nicht geliebt werden: weder auf unabdingbare Art und Weise noch auf romantische Art und Weise. Auf jeden Fall aber nicht so, wie ich es mir wünschte. Ich werde nicht viel verdienen, ich werde mich nicht weiterentwickeln. Ich werde stehenbleiben, ich werde alle anderen an mir vorbeiziehen sehen mit Familie, Haus, Hof und Hund und dem alljährlichen Sommerurlaub am Meer. Ich war bisher unwichtig und ich werde es weiterhin sein.
Ich bin nicht genug und ich weiß nicht, wieso sie so an mir festhalten, wenn ich mich selbst nicht mehr halten kann.
Ich werde im freien Fall nur mich herunterreißen, niemand anderen. Ich kann es verstehen, wenn F sagt, ich sei ein Klotz. Ich bin ein Klotz, ich bin zu schwer, ich habe es nicht anders verdient. Klötze muss man loswerden.
Ich darf wirklich niemandem sagen, wie ich mich fühle. Ich darf niemandem sagen, dass ich nicht mehr will."

Ich kann den kompletten Text auseinandernehmen. Ich kann die Aussagen umwerfen. Ich kann einen Gegentext schreiben, der eine Ode auf das Leben ist. Klar ist aber auch: in der dreistündigen Episode, in der diese Worte aus meinen Fingerspitzen geblutet sind, hat sich alles davon echt angefühlt.
Mit dem schwarzen Loch im Kopf zu leben heißt Selbstbeherrschung, heißt Impulskontrolle, heißt lernen, wie man richtig mit sich umgeht, heißt lernen, wie man mit sich umgehen lassen kann, heißt Akzeptanz. Wer mir sagt, ich sei nicht stark, hat nichts davon verstanden.

Abschließend hierzu sei zu sagen - auch wenn ich schrieb, es sei mir partiell unangenehm; das hier zu veröffentlichen tut weh. Und ich fühle mich dabei nicht zu wohl.

and you no longer seem to cope
with what you ask for
but if you haven't gone back
how can you start again

Dienstag, 23. April 2013

the modern leper

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achtunddreißig
Seit es Frühling ist, ist der Knoten geplatzt; es sprudelt heraus aus mir wie ein Wasserfall und manchmal überschlage ich mich wegen meiner eigenen Worte, da ist mein Gehirn schneller als der immer langsamer werdende Mund. Ich sage ihr, dass es mir wirklich gut geht, auch wenn ich ein Tief hatte letzte Woche. Das Tapeten-Ich, sie versteht und nickt. Die verschiedenen Ebenen der Kommunikation, das nehmen wir wieder auseinander. Und was sagt Ihnen das über den Sprecher? Gut heißen kann ich es nicht und es macht mich sauer. Sie schafft es wieder, mich zu beruhigen. Ihren Kern, Ihren für Sie schmerzhaften Kern haben wir schon genug gepikst. Vielleicht habe ich das schon immer getan, vielleicht habe ich es nie anders gelernt.
Im Anschluss eine Kosten-Nutzen-Rechnung, ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht doch einfach hinschmeißen soll. Wenn Sie es vergleichen, sind die Kosten für einen Abbruch höher? Ungemein, ja. Sie sagten bereits, dass der Sommer für Sie hart und anstrengend wird. So einfach kann ich mich nicht aus der Affäre ziehen. Das wird ein Sparflammenstudentendasein und das werden lange Tage in der Bibliothek; wenigstens ist es dort klimatisiert.
Ich lese ihr meine Antwort vor, auf die bin ich nur teilweise stolz, weil man zu tief in den Schlund dieses verdammten schwarzen Lochs im Kopf schauen kann. Eigentlich müsste ich es umbenennen, es ist kein schwarzes Loch mehr, zunehmend kann ich es kontrollieren, für mich ist es aber kein schwarzer Hund, es ist ein schwarzer Tümpel, eine Art Vorhof zum Treibsand? Sie beruhigt mich. Ich denke einfach, dass es zeigt, wie viel Vertrauen Sie in die Person haben. Ja, stimmt. Und Angst davor.

Es wird keine Verlängerung geben, vor mir liegen insgesamt noch sieben Sitzungen, wir werden die Abstände zwischen ihnen ziehen. Ich glaube, dass das heißt, dass ich gesünder bin als noch vor vier Monaten; ich glaube, dass das heißt, dass ich eine gute Prognose habe; ich glaube, dass das heißt, dass mein Weg bis hierhin für mich der richtige Weg war. Ohne Antidepressiva, zwar mit kurzem Klinikaufenthalt, aber ebenso mit Lerneffekt und ebenso mit langfristiger Selbstkontrolle durch Reflexion; eine andere Art der Reflexion, kein Selbstzerfleischen mehr, eher ein Konstruieren der Gedanken in andere Formen. Ich werde mich weiterausbluten, nur nicht mehr in mir selbst sondern dank anderer Medien, dank einer anderen Form von Körperlichkeit, einer, die nicht meine eigene ist. Ich denke, dass das gut ist, ich denke, dass das heißt, dass ich viel stabiler bin, als ich immer dachte.

you're not ill
and I'm not dead
doesn't that make us a perfect pair?

Donnerstag, 18. April 2013

avus

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siebenuhrzwei & sechzehnuhrvierunddreißig


Das ist die andere, die meinen Namen trägt; ein Echo, das sich durch den leeren Raum kegelt wie eine Boulekugel. Es fehlen die positiven Begriffsbesetzungen; intradiegetisch-homodiegetisch, noch mehr kann man nicht involviert sein. Digitales Abbild, vielen Dank, wir haben schon vergessen, wer ist. Sommer neben Fenstern, die man nicht öffnen kann; Stau, die Griffe sind schon längst demontiert, meine Sprache tut das ebenso, auf Schienen fährt alles aneinander vorbei, ein Leben in Parallelen.

Sie verlegen die Platten im Rohbau, warst du jemals mehr als eine Skizze oder warst du sogar viel weniger als das? Antworten, ich will keine mehr, meine Impulskontrolle, Kilometer entfernt war das Schmerz, Wut; die, die nicht meinen Namen tragen aber so aussehen wie ich, weniger als ein Echo und die Altbauhäuser zu Tode saniert.

Hier atmet man ein, dort atmet man aus. Und am besten habe ich das selbst hinbekommen mit meiner Dekonstruktion. Irgendwann rollen sie bestimmt auch eine weitere Schicht Straßenbelag über mir aus. Dann kann man zusätzlich in der Hitze die Luft flackern lassen, das Stemmen war nicht genug.

Das Abstrahieren hat man wohl gelegentlich mit einem Abhaken verwechselt; sie sitzen auf den Treppenstufen, die man mal mit einem Gefühl von Zugehörigkeit benetzt hat und je öfter man darüber nachdenkt, desto mehr wird auch dieses Konzept zu einer unwiederbringlichen Vergangenheit. Das ist gut so, viele schmerzen sich durch einen Dickicht, in dessen Raum sie sich noch bewegen, weil das Konzept dieses Raums altvertraut ist.

In der Straßenbahn wird mir schlecht, Sonnenbranddokumentationen - keine besonders guten. Ausgeschlossen ist lediglich die Möglichkeit einer olfaktorisch positiven Überraschung, mir fehlt der Geruch von Zimt und wird immer schwindeliger, Eindrücke können das nicht sein. Sparflammenexistenz, dabei sind die Liter Wasser nicht mehr von Relevanz. Das ist das Hintergrundgeräusch und das ist der Druck auf eine Glasfläche, ein stetes Rauschen, das nicht an mir vorbeigeht. Versprochen hat es keiner, sich daran gehalten erst recht niemand und Sinn hat vieles noch nie gemacht.

Guten Tag, mein Name ist Fernweh, ich habe mich hier so eingenistet. Permanent, damit es immer schön zwiebelt, bei jedem Schritt.

Mittwoch, 17. April 2013

eulogy for evolution

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sechsunddreißig
Es war hart und im Nachhinein möchte ich nicht wirklich über diese Sitzung schreiben. Sie hat mich ins Mark getroffen, die Artikulierung von all dem, was mich umtreibt, was in mir drin schmerzt, wenn man es zulässt. Für ein paar Minuten erzählt sie und ich sitze da und bekomme keine Luft mehr, ob das Panik war, weiß ich nicht, aber es geht um die Symbolik von Menschen in meinem Leben und es geht darum, ob man diese Symbolik nicht auch einfach hinnehmen und auf andere Menschen transferieren kann. Ich sage, dass ich diese Annahme noch nicht bestätigen kann, weiß aber eigentlich, dass ich schon lange nur noch an der Symbolik festgekrallt habe.
Es wird Sie treffen, wenn Sie sehen, wie es bei anderen ist. Vergessen Sie nicht, manche Wunden heilen nicht. Denn es gibt Menschen, die aufgrund biologischer Begebenheiten nie durch andere ersetzt werden können. Da sticht es etwas, das war mir jedoch von Anfang an bewusst.
Im Anschluss habe ich Zeit, Licht zu dokumentieren, eine halbe Stunde lang. Die hohe Straße gebärt sich gerade wieder von Neuem, immer diese Bildfiguren, Synästhesien, wo man sich auch nur hinwendet.

siebenunddreißig
Wie geht es Ihnen? Ich sitze im Sonnenlicht, denke an die Fotos vom Therapieraum, die ich letzte Woche gemacht habe, minutenlanges Liegen auf dem Rücken auf dem Parkett. Auf einmal erscheint mir die Frage nach der Begreifbarkeit eines Raums gekoppelt an mein Entdecken dessen, wenn ich Zeit habe, auf die Decke zu starren, die Augen zu schließen und ich die Stille in den einzelnen mehr oder weniger entfernten Ecken des Raums hören kann. Es schockt mich, dass zu sagen, aber es geht mir sehr gut; erzählen muss ich trotzdem etwas. Als ich nach langer Zeit wieder Luft hole und fertig bin, schaut sie mich an und zieht die Augenbrauen hoch. Keine Bange, genauso habe ich auch reagiert, sage ich ihr. Wie geht es Ihnen jetzt? Wie gesagt, es schockt mich, aber es geht mir wieder richtig gut. Letzte Woche ging es krass in die negative Richtung, deshalb musste ich einfach sagen, dass mir etwas nicht gut tut. Sie haben gut reagiert, Sie wehren Behauptungen ab, die für Sie allgemein nicht annehmbar sind und Sie kategorisieren ganz klar nach "das tut mir gut, das tut mir nicht gut".
Ich würde am liebsten sagen, dass ich mir gerne einen Boxsack kaufen würde, um meine Aggressionen ablassen zu können. Stattdessen: so muss ich nicht mit mir umgehen lassen. Ja, da sind zwei Ansätze - Sie sortieren für sich aber sehr gut aus, dass der Großteil dessen, was Ihnen an den Kopf geworfen wird, einfach nicht stimmt. Auf der anderen Seite haben Sie jemanden, der gerade um sich schlägt, während derjenige um sich kämpft und auf der anderen Seite gibt es Sie, Sie gehen auf Ihre Art damit um, sehr ruhig, den anderen berücksichtigend, aber Sie kämpfen. Das rechtfertigt nichts davon, ich weiß nur, dass ich wieder einen wunden Punkt getroffen habe, dass ich wieder recht hatte. Und wenn man es von der puren wohlwollenden Seite betrachtet? Auch dann ist es nicht gerechtfertigt. Sie kämpfen, die andere Person ebenso, aber Sie tun dies auf unterschiedlichen Ebenen. Da sind nicht zwei Schritte dazwischen, sondern Kilometer. Wir reden über das Konzept von kaputten Seelen und sprechen wieder über den Begriff Gesundheit. Ich merke, dass Sie stolz auf meine Fortschritte ist, ich merke, dass mich das Grundthema nicht mehr so trifft wie noch vor ein paar Wochen, wie damals in der Klinik. Die Tasse, die ich an die Zimmerwand schmiss. Irgendwann ist gut, sage ich, ich lasse mir meine Mündigkeit nicht nehmen und mir irgendwelche Sachen sagen, die nicht stimmen, die ich auseinandernehmen kann. Sie nickt, aber mein Schuldgefühl ist noch da. Ob das jemals weggehen wird? Lassen Sie sich ein paar Fragen durch den Kopf gehen: was hätten Sie anders machen sollen, können? Würden Sie etwas anders machen? Haben Sie sich etwas vorzuwerfen? Nichts, nichts, nein. Ich trete einfach nicht auf Menschen drauf, die am Boden liegen. Allgemein: ich trete nicht auf andere.  Ich wünsche mir für den anderen immer das beste, Gesundheit vor allem, Zufriedenheit und ein hohes Selbstwertgefühl. Aber immer die verqueren Auffassungen von Respekt. Ich sage ihr, dass ich etwas lachen musste, als ich mir das durch den Kopf habe gehen lassen. Es gibt Menschen, die keine meiner positiven Eigenschaften kennen und mich trotzdem kennenlernen wollen und dann gibt es den Gegenpol, der alles kennt und nichts davon schätzt. Sie nickt. Alles, was Ihnen gut tut. Ja, mir geht es gut und das steht auf meiner Prioritätenliste sehr weit oben.

Ich erzähle ihr von ein paar weiteren Begebenheiten der letzten Woche und wie mich das irritiert hat und gefreut; wie sich die Uni angefühlt hat, das Warten auf meine Note. Das Versprechen, ihr zu zeigen, was bei den Fotos herausgekommen ist. Sie wird zu Therapieende ein kleines Buch von mir bekommen mit Aufnahmen. Weil ich etwas zu spät kam, ist die Sitzung kürzer als sonst, Aufstehen in der Sonne, zu Hause kann man den Sommer schon riechen. Den Park, irgendetwas mit Bratwurst, nasses Gras. Zu guter letzt schätzen wir mein Selbstwertgefühl auf einer Skala von null (nicht vorhanden) bis zehn (übermäßig, beinahe schon gefährlich gut), ich sage siebenkommafünf bis acht, sie freut sich. Vor einem Jahr hätte ich nullkommafünf bis eins sagen müssen. Alles wird gut, aber das artikuliere ich nicht laut. Ich will raus, in die Sonne.
Vor dem Haus dann erwischen mich die Böen so wie in Timmendorfer Strand im Januar und ein bisschen schwingt die Wehmut mit; der letzte Frühling, Sommer hier und obwohl ich es nicht abwarten kann, endlich wieder hier wegzukommen, gibt es ein paar Menschen, die mir fehlen werden. Seine Familie sucht man sich letztlich selbst zusammen.

Donnerstag, 11. April 2013

everything is open, leaking of light

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Räume, in denen das Licht festsitzt; Kanten, in denen man noch die einen oder anderen vergessenen Worte wiederfindet, wie Krümel im Wald. Man schneidet sich, man atmet ein, man atmet aus. Hinter dem Kopf die Uhr, die an der Wand durch die Sprechpausen tickt. Und dann macht man innen drin die Schleusen auf.

waters will keep running and rivers will turn

Samstag, 6. April 2013

smother

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ich habe all meine kraft in
dich hineingepumpt
selbst dann
als schon lange nichts mehr da
war
und ich habe dann mein blut
in dich hineingejagt
in transfusionen
bis ich innerlich so ausgetrocknet war
dass ich vergaß
wer ich war
und dann die frage nach der
schuld
und meine alten wünsche
vertrocknet in deinen venen

(Dienstag war nicht so gut, ich glaube, Mittwoch war in Ordnung, es lief gut, denke ich; wir werden sehen. Ich muss noch antworten.)


I sometimes wish I'd stayed
inside my mother, never to
come out

Mittwoch, 3. April 2013

my body's like a wave, breaking into the sea

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Ich weiß nicht wieso, aber diesmal muss ich mich zu dem hier zwingen. Nicht, weil ich nicht darüber schreiben wollte (man gibt ja letztlich nur ausgewähltes wieder, nicht alles, das ist schließlich mein sicherer Ort) sondern weil ich irgendwie nicht darüber schreiben konnte. Und her ist es auch schon ein paar Tage.
Das Salzwasser habe ich mir aus dem Gesicht gewischt wie Wimperntusche, dieses brennt allerdings nicht so stark; an den Reinigungstüchern klebe ich, das Ibuprofen spült schon durch mich hindurch. Immer die Symptome bearbeiten, das kann man gut und es ist angenehmer, sich nicht mit dem schwarzen Stachel in der Brust zu beschäftigen. Der potenzielle Schmerz, das verstehe ich alles, ich bin nicht anders, aber auch der Schmerz geht vorbei. Vielleicht muss es wirklich den einen Menschen geben, an dem man scheitert.

fünfunddreißig
Ich bin müde und das sieht man auf meiner Haut; alles spannt, ich wate durch Sonne, mal wieder fast zu spät. Die Sicherheitsvorkehrungen haben nicht funktioniert, sie geht neben mir die Treppe herunter, ich gehe sie gerade hoch, ich ziehe noch in Ruhe den Mantel aus. Wir reden über die Sonne als wir in den Therapieraum gehen und ich versuche schon, den leeren Raum darin anzuordnen.
Wir sitzen, ein Plastikbecher mit Wasser aus dem Spender auf dem Tisch und die runden Formen, die die Sonne malt in all den Streifen hier im Raum. Es geht um meine Hausarbeit und die Abgabe, wie ich vor dem Zimmer des einen Dozenten stand und er vor mir und ich ihn einfach nicht fragen konnte, was nun meine Note ist. Ich sage ihr, dass ich da an meine Sozialphobie dachte und die durchgeschriebene Nacht und die zwei Stunden Schlaf. Ich glaube, es ist verständlich, dass man sich da erschrocken hätte. Immerhin haben Sie die Arbeit abgegeben.

Die Anekdote, dass ich im Bad auf dem Boden lag, wie sehr mich Ibuprofen durch den Alltag schleift. Sie erzählt mir von ihrer Weisheitszahnoperation, mich beruhigt das trotzdem nicht. Immer diese Angst vor Schmerzen, denen ich sowieso nicht aus dem Weg gehen kann. Je länger ich es laufen lasse, desto schlimmer wird es. Wie an der Seele, wenn man den Schmerz so lange laufen lässt, bis er irreparable Schäden hinterlässt. Irreparabel, unumkehrbar - eigentlich sind das grausame Worte.
Der Weisheitszahn meldet sich zurück, sobald man von ihm redet. Ich krame eine Aspirin aus dem Rucksack, sie schenkt mir Wasser nach. Aus Scherz sage ich ihr, dass aller Herzschmerz nichts ist gegen meine Schmerzen und dass man, wenn man mit Schmerzmitteln voll ist, sich irgendwie ähnlich dumpf anfühlt wie in einer dieser Egalphasen der Depression. Sie schaut besorgt. Haben Sie keine Angst.

Wir sind zurück bei den Lebensgeboten aber so wirklich arbeiten wir nicht daran. Ich fühle mich auf einmal ziemlich beklommen, das kann nicht das Aspirin sein, das kann keine Nebenwirkung vom Ibuprofen sein, das muss Raubbau am Herzen sein. Sie erzählt mir von der Spiel- und der Motivationsebene und was eine frustrierte Motivation alles anrichten kann im Kontext eines dysfunktionalen Selbstbildes.
Was würden Sie gerne sagen? Ich muss lange überlegen, sage etwas und dann ist das pure Aussprechen eben dieser Worte, es fühlt sich an wie ein Halbmarathon: Ich mag es nicht, dass ich mich trotz allem schuldig fühle. Die Sonne zieht wieder vorbei, hinter Wolken und Grau und die Gerippe der Bäume. Was für ein Frühling. Wie würden Sie Schuld definieren? Eine lange Pause; eine sehr gute Frage. Mir fehlen die Worte, das passiert häufig in letzter Zeit. Dass ich vielleicht nicht alles getan habe, was ich hätte tun können. Mir ist bewusst, dass ich da wieder den Fehler mache, alles in Retrospektive zu bewerten. Sie erzählt mir eine Geschichte, die mich mich selbst hinterfragen lässt, ich reiße die Augen auf, weil sie mir schon vom puren Erzählen nur wehtut und ich nicht genau weiß, wo ich mit meinen Gefühlen hin soll. Sie haben keine Schuld. Sie haben gekämpft wie eine Löwin, als Sie sich kennenlernten, war keiner von Ihnen beiden gesund, Sie waren es definitiv nicht. Heute sind Sie gesünder als damals, auch wenn es nicht so vorkommen mag, weil Sie heute allein sind. Gesünder? Ich rekapituliere das letzte halbe Jahr, die Abwesenheit, meine punktuelle Wut, mein Aufenthalt in der Psychiatrie, der Stempel der Bekloppten, den ich mir auf die Stirn suggeriere. Ich komme nicht dazu, den Spiegel, den man mir vor die Augen hält, wahrzunehmen. Ein Geben und Nehmen muss das wohl sein.
Wissen Sie, Sie haben wirklich getan, was Sie konnten. Sie haben signalisiert, Sie sind da, dass Sie greifbar sind, wenn etwas ist. Hat sich daran etwas geändert? Nein, aber diese selbsterfüllende Prophezeiung, dass ich nichts dagegen ausrichten konnte, die hat sich tief in mich hineingefressen. Bei einer selbsterfüllenden Prophezeiung ist der Betroffene auf der Spielebene, auch wenn sie von der Motivationsebene durchzogen ist. In der Richtung, mal sehen, wie man reagiert, wenn alles getan wird, damit die Prophezeiung eintritt. Letztlich ist es wirklich ein Spiel, das aus einer frustrierten Motivation, wie eine Ihrer Oberannahmen, gespeist wird. Man hat gewonnen, wenn die Oberannahme bestätigt wird, man hat aber ebenso gewonnen, wenn die Motivation endlich befriedigt wird. Wir münzen das auf mich. Aber habe ich dann nicht gewonnen, also wenn man es gemein sagt? Ich denke schon. Den Ausgang bestimmen aber nicht Sie, sondern derjenige, der die Prophezeiung ausspricht. Das ist mir bewusst. Und ich sage ihr nicht, dass dieses ganze Spiel, dieses krampfhafte Festhalten an dieser Prophezeiung meine Oberannahmen bestätigt. Ich wollte keinen Zentimeter zwischen der einen und der anderen Haut und trotzdem schneiden sie mit dem Messer selbst die Luft zwischen uns kaputt.
Ich trete nicht nach. Ich will niemanden kaputt machen. Ich verlange nur absolute Ehrlichkeit zu sich selbst. Sie lächelt, ich merke wie der Schmerz in meinem Kopf abnimmt. Sie vergessen nur, dass Sie immer noch zwei Schritte vor ihm stehen.
Es ist so, als würde sie um meine Seele kämpfen und um meinen Ausblick und ich weiß, dass alles immer in Wellen kommt, dass letztlich alles gut wird, dass ich ein Leben habe, das ich leben kann. Sie zieht mich mit und ich habe einfach nur Angst vor Wiederholungen. Ich hätte mir gewünscht, er hätte um mich gekämpft, wie ich monatelang für ihn. Das sage ich ihr vielleicht bei der nächsten Sitzung. Heute ist es zu sehr Knoten in meiner Brust.

Wir sehen uns erst in der ersten Vorlesungswoche wieder, über Ostern ist sie nicht da. Im Wartezimmer mache ich mir nicht die Mühe, die dort Sitzenden zu grüßen, die Sitzung hat sehr wehgetan. Ich spiele mit dem Gedanken, dort hinzufahren, wo ich aufgewachsen bin, verschiebe es aber auf einen anderen Tag.

she says "nothing seems the same" and "I can't feel a thing"