Donnerstag, 16. August 2012

and write, it's all an empire

Untitled by smallcutsensations

mathilda. eine fragmentfortsetzung.

      plötzlich gab es einen einschnitt. ich erkannte die mathilda, die mich wochenlang mit einer merkwürdigen art von stille, euphorie und langeweile behandelt hatte, beinahe nicht mehr wieder. von nun an war sie jeden sonntag unterwegs, jeden sonntag machte sie zu einem osterspaziergang, der mich an goethes faust erinnerte, sie ging ein und aus, sie war letztlich vollkommen durchgewaschen. eine frühe art der lebenskrise, eine krise, die manche früher, manche später treffen kann, bei ihr war es eben der dreiundzwanzigste geburtstag, oder ein paar tage später, ganz genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern. ich weiß nicht mehr genau, ob es im märz oder im april war, aber im geheimen fing ich an, mathildas existent in meinem kopf umzuschreiben. die, die kaum noch vor sich hinsummte, die, die kaum noch auf ihrem ranzigen ledersessel saß.
      ich kann das mit dem leiden nicht so gut wie die anderen, denn die leiden scheinbar gar nicht. wie alles sagte sie das mit bitterem ernst, mit einem ernst, der mich eher an ein testament als an eine lapidare feststellung erinnerte, wie ihre aussagen es sonst taten. irgendeinen ernst hatte sie getroffen, vielleicht direkt auf der straße, auf einem der spaziergänge durch die stadt, die sie zu sehr liebte. mathilda, die verging an sich selbst, mathilda, die verging an jedem schritt, den sie auf der straße tat, mathilda, die mir all dies zum vorwurf machte.
      sie hoffte vielleicht, durch alles, was sie mir direkt und indirekt erzählte, eine meinung über ihr leben aus mir herauszuspiegeln. ein verzweifelter versuch, sich in eine richtung zu justieren, die ihr hätte sagen können, dass das, was sie tat, gerechtfertigt war, vor allem durch mich. wir wohnten zusammen, mehr nicht, gelebt hatten wir nie zusammen. sie wusste, dass ich das nicht wollte, sträubte sich aber gegen meine worte, als hätte sie auf einmal eine eigenschaft von neopren erlangt, nämlich die, worte an sich abperlen zu lassen wie wassertropfen. mathildas spaziergänge waren möglicherweise manifestationen des versuchs, eine innere revolution anzuzetteln, eine, die schon in den keimen erstickte.
      im nachhinein macht all das sinn, das zu viel, was sie mitnahm und das zu viel, das sie hinterließ. mein großes handtuch, das gestreifte, das sie hasste. sie musste sich ja an irgendetwas festhalten und wenn es anderen gehörte, wurde das festhalten zu einer selbstverständlichkeit. auch wenn sie eine mit hektik getränkte ruhe ausstrahlte, fehlte ihr doch ein einziger großer baustein zu einem leben in erträglichkeit: die fähigkeit, sich selbst zu lieben.

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ich danke dir.