Sonntag, 13. Januar 2013

and now you cannot let go, cannot let go

Untitled by smallcutsensations


Oder an einem anderen Tag, neue Fragmentfortsetzung

Du hast mir dann gesagt, dass wir den nächsten Zug nehmen werden, den Richtung Westen, also nicht in Richtung des Westens, der irreparabel wehgetan hat, sondern näher an das heran, was gut tut, obwohl es schmerzt. Wir haben die Schienen betrachtet, deine Bemühungen, mir deutlich zu machen, dass all das wieder in Ordnung sein wird, was nun notdürftig mit Kompressen bedeckt ist. 
Das ist eine Fleischwunde in der Seele, das sagst du immer wieder und ich frage mich dann, wie genau das funktioniert und ich würde dich das gerne fragen, aber ich weiß nicht wie, sodass ich zuguterletzt entscheide, dass ich es nicht kann. Dein nachdenklicher Blick, während du deine Tasche in der Hand hälst, wir sinken nicht mehr die Stuhllehnen herunter, bis wir nur noch mit den Rücken auf der Sitzfläche liegen, früher hätten wir das vielleicht getan, früher, also eher damals, als wir klein waren und uns nicht kannten. Heute beobachten wir uns scharf, trotz all der unsichtbaren Denkmäler für die Dinge, die wir früher benennen konnten; deswegen stehen wir hier, es hätte die Autobahn sein sollen, die uns wegrauscht von hier, aber wir verlieren nicht gerne die Kontrolle. Wir lieben es, uns in geordneten Bahnen bewegen zu lassen, trotz der unregelmäßigen Anwesenheit eines Sinns hinter dem, was umtreibt.
Angst, das spüre ich, als auf den anderen Gleisen die anderen Züge in andere Richtungen abfahren, niemand ist mehr übrig außer uns. Du siehst so aus, als würde es gleich losregnen, aber deine Traurigkeit darüber bleibt aus. Ich will die wegen der hohen Luftfeuchtigkeit beschlagenen Fensterscheiben in den antiquiert wirkenden Abteilen freiwischen, weißt du, was ich meine? Sehen, um verstehen zu können, man vermutet Abschied hinter dem nächsten Atemzug, eigentlich müssten wir darüber lachen. Aber wir können es nicht, weil unser Zielort verspricht, dass das Meer vor Eis ächzen wird. 
Ich versuche, dich zu beruhigen, mein Reden über Gräser an Sommertagen, auf der Wiese, an der du nie vorbeigekommen bist. Der Versuch, eine Farbe zu beschreiben, die du nicht kennst, da fehlen die Referenzpunkte, wir beschwichtigen einander, dass das schon nicht so schlimm sei, aber im Hintergrund kommt ein anderes Rauschen als das der Autobahn hoch, das sind die Fussschritte anderer Menschen.
So funktioniert das nicht, sagst du, wieso muss in alles immer diese Geschwindigkeit rein?
Irgendwie fehlen die Antworten, eigentlich war das beinahe eine rhetorische Frage. Das Entschleunigen haben wir nie gelernt, abruptes Bremsen verursacht ein größeres Unwohlsein als das angenehme Gefühl, wenn etwas anrollt. Vielleicht hat man uns aber auch nie etwas anderes, etwas gesünderes, beigebracht. Vor einiger Zeit hast du viel über Ideale geredet, über das Kleine, was dir ständig im Größen über den Weg läuft. Da habe ich dir immer davon erzählt, dass ich es bemerkenswert finde, dass die Weisheitszähne so genannt werden, wie sie genannt werden, denn wenn sie kommen, kommt der Schmerz. Womöglich muss das mit der Weisheit so sein, deshalb tut das Älterwerden so weh. 
- Ich will den Schmerz spüren, sonst kann ich nicht wachsen, also wieso ihn von Anfang an herausoperieren wollen?
- Kannst du mir das näher erklären? Vor allem, wenn alles viel zu schnell für dich zu sein scheint?
- Das kann ich nicht. Manches kann man sich nicht aussuchen.
Ich schüttele mit dem Kopf, weil ich nicht weiß, was du meinst. Zeit haben wir noch, die Tasche in deiner Hand sinkt immer weiter deine Fingerglieder herunter, bald muss sie doch aus deinen Fingerspitzen fallen. Und wenn, wie bei den Weisheitszähnen, im Körper kein Platz für den Schmerz ist?
Du lachst, nicht amüsiert, nicht arrogant, du lachst so herrlich hilflos vor dich hin, weil das dein wunder Punkt ist. Ich muss tief getroffen haben, denn das erst leise Lachen schüttelt nun auch deinen Oberkörper nach vorn, wie prophezeit: deine Tasche fällt zu Boden. Gegen das Leben kann man auch nicht einfach eine Aspirin nehmen, es reicht schon zu, dass man immer etwas wegen der Kopfschmerzen nehmen soll, bringst du schließlich heraus. Und da fehlen mir die Referenzpunkte.


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hej. alles, was du sagst, ist wichtig.

ich danke dir.