vierundzwanzig, fünfundzwanzig, sechsundzwanzig
Montag, Doppelsitzung:
Sie sitzt mir gegenüber, wieder in dem angestammten Therapieraum, dem großen, über dem des öfteren die Stuhlbeine über den Boden kratzen, dann muss ich mir die Decke vorstellen, wie es bröselt und wie sie voller Stuck sein könnte, aber da ist nichts, da ist nur weiß und eine scharfe Kante, nichts mit Altbaukitsch. Ist ja schließlich auch kein Altbau, in dem wir uns befinden. Irgendwie weiß ich nicht so recht, womit ich anfangen soll. Worüber ich reden soll. Den Tag zuvor erst aus der Klinik entlassen, dann thematisiere ich das Wort Einweisung und rede über dessen negative Konnotation und über meinen Gefühlszustand. Erzähle ihr, dass ich Blumen gekauft habe direkt nach dem Arztbesuch, sie bittet mich, ein oder zwei Bilder mitzubringen in der nächsten Woche, ich willige ein. Wir reden über die Mitpatienten, über meine Überforderung, gängige Vorurteile über die Psychiatrie und wie sich das Bild auf diese eigentlich verändert hat. Dann lachen wir, ich bemerke, dass ich wirklich sehr kaputt gewirkt haben muss, meine eigene Hilflosigkeit, sie sagt ich habe wirklich viel Mut bewiesen und den können zu viele nicht aufbringen. Vielleicht auch die Angst der anderen vor 'Psychiatrie', dem bösen Wort.
Ich erzähle ihr weiter von meiner Woche, von meinem Schuldgefühl, das in diverse Richtungen lief, von meiner Wut, die sich irgendwann gegen Ende des Aufenthalts manifestierte zu einem "wofür zur Hölle leide ich hier eigentlich?" und dass ich die Situation so unerträglich unfair finde, wir sprechen wieder über Fahrlässigkeit, der Kenntnis meiner Situation, meiner Psyche. Das Gefühl, dass das wohl der größte persönliche Rückschlag für mich gewesen sein muss seit Beginn meines zweiten Geburtstags. Die Wut bleibt.
Montag Abend, ich fahre ins Möbelhaus, ich habe diesen merkwürdigen Drang, etwas umzustellen, zu verändern, klarzustellen, ins Klare zu stellen. Die Suche nach einem ausgesuchten Möbelstück, permanentes Umherlaufen, weil dieses nicht zu finden ist. Es ist mir für eine halbe Stunde zu unangenehm, einen Mitarbeiter zu fragen, ich beobachte die Menschen, die gelassen einkaufen gehen, kurz bevor der Laden schließt, ich beobachte ihre teilweise Angespanntheit, dann die Sorglosigkeit, dann ein scheinbares Fehlen von Schwere. Es fällt mir sehr schwer, eine plötzlich aufkommende innere Panik abzumildern, damit sie nicht in einem Nervenzusammenbruch endet. Ich denke an meinen Lieblingsplatz in der Nähe des Hauses meiner Eltern, das wird dann der Trigger für einen weiteren Panikschub aufgrund ihrer Überforderung, stattdessen der Gedanke an das Meer. Irgendwann frage ich doch einen Mitarbeiter, ich beruhige mich, sehr langsam, wenigstens zeigt sich mein inneres Zittern nicht außen. Meiner Therapeutin erzähle ich hiervon nichts.
Donnerstag, Extrasitzung:
Diesmal bringe ich Fotos mit, sie sieht die Blumen, die ich Anfang der Woche gekauft habe. Erzähle ihr von dem Brief von der Kunsthochschule, der wegen der Eignungsprüfung gekommen ist, wir reden kurz darüber und über meine Ideen. Schnell kommen wir dann dazu zurück, wie es mir geht, ich kann die Frage nicht beantworten. Gerne würde ich sagen ausgebrannt, aber dann die Frage danach, was ich im Krankenhaus war, denn: ist ausgebrannt noch viel steigerungsfähiger?
Gespräche über das Klientel, das sich in psychotherapeutische Behandlung begibt, ich sage, es geht durch alle Schichten und Altersklassen. Sie sagt, oftmals sind es wirklich nur die Leute, die intelligent, reflektiert genug sind, die durch eine Therapie durchgehen, die in einer Art wirkt, dass sie die Leben der Patienten verändert. Ohne Einsicht über die eigene Situation funktioniere die Art der Behandlung, der Therapie, wie ich sie jetzt habe, nicht. Kognitive Verhaltenstherapie. Wir reden weiter, ich merke, wie ich wirklich nicht klarkomme, wie mich die Worte diesmal irgendwie treffen, der altbekannte Kloß im Hals. Ich glaube, was mich daran so trifft, ist, dass ich schon wieder keine Wahl habe, ich bekomme etwas vorgesetzt und habe keine andere Möglichkeit, als die Dinge zu akzeptieren. Und dann kriege ich mit, dass man mich wohl für wirklich dumm hält und ich bin noch getroffener und habe keinen Platz für meine Wut. Das trifft sie wiederum, ich merke es an der Art, wie wir mein gesagtes auseinandernehmen. Was sind Wahlmöglichkeiten: Akzeptanz, Resignation, Ankämpfen. Wir versuchen das, auf das Verhältnis u.a. zu meiner Mutter anzuwenden. Da ist meine fehlende Kraft, da bringt Akzeptanz und Ankämpfen nichts. Dann der Versuch, das auf meine aktuelle Situation zu münzen, ich sage, ich habe keine Kraft, dagegen anzukämpfen, Ende November war es Akzeptanz, der Entschluss, Abschied zu nehmen, dann wurde das zerstört. Alles wieder von vorn, in kürzester Zeit, einzige Wahlmöglichkeit: Resignation, diesmal eine falsch gerichtete. Und sie wird deutlich sauer. So deutliche Worte habe ich noch nie gehört. Sie sitzen hier, weil Sie die Probleme anderer Menschen ausbaden müssen, weil diese es nicht hinbekommen, sich Dinge einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen, dass sie nur die eigene Fehlbarkeit an Ihnen auslassen. Und Sie sitzen hier und zerfleischen sich selbst, weil Sie in Ihrem Leben leider die Erfahrung machen mussten, dass es zu viele Menschen gibt, die sich nicht ändern wollen oder können, weil sie es nicht wollen. Aber der Unterschied: Sie machen eine Therapie, nicht die anderen, Sie waren in der Klinik, nicht die anderen. Und dass die anderen so denken? Sie sind die Starke, die anderen lassen Sie nur denken, Sie seien die Schwache: weil die anderen es sich selbst nicht eingestehen können. Ich schlucke, ich würde gerne weinen, aber ich halte mich irgendwie zurück.
Sie schlägt vor, ich sollte für ein paar Tage wegfahren, vielleicht ans Meer, auf einmal bin ich sehr aufgeregt. Sie sagt, sie würde mir dafür ein Attest ausstellen, sollte ich es brauchen, sie sagt, ich sollte noch zwei weitere Wochen zu Hause bleiben. In Anbetracht der Tatsache, dass ich mich gerade selber erst wieder stabilisieren muss, ist das Herausnehmen von Druck eine gute Idee.
Ich will ans Meer und ich will frieren. Das innere Zittern nach außen treiben. Mich einmal umstülpen, den ganzen implizierten Schmerz herauswerfen. Ich will ans Meer. Ich will einfach nur nach Hause.
so consider the things
and the pain that it brings
down to the things
you miss the most
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hej. alles, was du sagst, ist wichtig.
ich danke dir.