Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem mein Vater mich nach Schönefeld zum Flughafen fuhr, er war traurig, glaube ich, es war Ende April, ein vierundzwanzigster. Geschlafen hatte ich zwei Stunden, kalt, dann luden wir meinen Koffer hinten ins Auto ein, ich hatte ihn noch eine halbe Stunde vor Abfahrt erst angefangen zu packen. Es dröhnte der Radiosender aus den Boxen, den ich nicht mochte, die Stimme des Nachrichtensprechers aber war wohlig kratzig in den Ohren. Wir mussten die beschlagenen Scheiben freiwischen, mein Vater erklärte mir auch wieso, das war die defekte Klimaanlage, das waren die Pollen und das war der, der sie falsch gereinigt hatte. Wie immer bei zu wenig Schlaf hatte ich Druck auf den Ohren, beinahe ein Tinitus, es fühlte sich so an, als hätte ich nicht zugehört.
Es war mir zu kalt, als wir losfuhren, ein komischer Frühlingsmorgen, in Gedanken war ich schon lange nicht mehr hier, das war mein loslassen. Manche Menschen werden sehr ruhig, wenn sie traurig sind, mein Vater zählt dazu, ich rede noch mehr, wenn ich traurig bin, nur nicht über das, was mich traurig macht. Wir fuhren über die Elbbrücke der A4, die Stadt lag da wie ein sterbender Gigant, die aus einer längst vergessenen Zeit stammenden Silhouetten wirkten auf mich bedrohlicher als Schatten, ich dachte, irgendetwas müsse passieren, schiefgehen, ein Unfall vielleicht, ich erinnerte mich an den einen Beinaheunfall im Auto meiner Mutter, da fuhren wir nach Hamburg, da war ich siebzehn, das war einer der Tage, an denen ich lernte, dass ich mehr Angst davor hatte, die Kontrolle über mich zu verlieren, als ich Angst davor hatte, zu sterben.
Auf der Elbbrücke im blauen Kombi meines Vaters, auf dem Beifahrersitz, war ich einen Monat von der neunzehn entfernt, das machte mich traurig, niemanden sonst. Genau sagen wieso konnte ich nicht. Die ikonische Stadtsilhouette verschwand in unserem Rücken, Industrieanlagen neben uns, sie sahen aus wie unwirkliche Orte von denen eigentlich niemand etwas wissen durfte, versteckt im Dickicht um eine Stadt, die ich nicht mehr lieben kann. Wir fuhren in den Sonnenaufgang, bis zu einem bestimmten Helligkeitsgrad schaute ich direkt in die aufgehende Sonne, ja, irgendetwas musste doch schiefgehen, nie hat man mich gehen lassen. Der Raureif auf den Feldern, alles verschwommen zu Linien, an Geister erinnernde Autos neben uns. Alles Dunkel in den Menschen.
Wir kamen an, dieses Monument sozialistischer Moderne fraß sich schon in meine Knochen. Sieh her, das hier ist eine weitere Kerbe, ein weiterer Ort, an dem ich war und dann doch wieder nicht, ein weiterer Ort, der wehtut. Warten auf den Check-In, wir waren wie immer viel zu früh, ich musste immer daran denken wie mein Vater immer Bratwurst isst. Mein Vater in meiner Grundschule, Bratwurst in der Hand, mein Vater auf der Sommerfeier eines Altersheims, Bratwurst bratend, mein Vater auf dem Herbstfest unseres früheren Viertels, Bratwurst essend.
S kam mit einem Kaffeebecher in der Hand durch die Türen um mich zu verabschieden. Irgendetwas muss schiefgehen, dachte ich mir, dabei hätte ich am liebsten angefangen zu weinen; ich konnte es nicht. Die Sicherheitskontrolle, irgendetwas muss noch passieren, das Leben kann für mich doch nicht so einfach laufen. Hinter der durchsichtigen Scheibe im Terminal B sah ich meinen Vater und S stehen, ich hatte ihnen wohl nie wirklich gesagt, dass ich sie liebe, das tut man wohl nie bei den Menschen, die man am meisten liebt, man nimmt einfach an, dass sie es wissen.
Das Flugzeug hob ab, T hatte mir ein Lied empfohlen, das ich hörte, bis die Batterien meines MP3-Players ausfielen. Like you said. Tiger Lou. Ich hatte mal gelesen, dass man eine höhere Überlebenschance hat bei Flugzeugunglücken, wenn man weiß, welche Menschen an den Notausgängen sitzen. Zwei Mal schütteres Haar, links grau, rechts blond, beide wie aus der Zeit gefallen. Ich wohl auch. Nichts ging schief, nichts stürzte ab, niemand starb, niemand ging weg. Außer mir.
Ich saß in den Monaten danach oft mit M in Waterloo Station, Menschen, die nach den Zügen rennen, Menschen, die aufeinander zu rennen. Da lernte ich, dass ich eigentlich Angst vor anderen Menschen hatte, vor ihrer Unberechenbarkeit, vor dem Schmerz, den sie unweigerlich auslösen würden, vor den Worten, die sie sagen würden, um mich zu verletzen. Und als ich das alles sagte, Ms Blick in meine Augen und bei mir das erste Mal das Gefühl, man liebt mich als Mensch, in allen meinen verqueren Versionen, M, die sagte: lass los. Ich wusste, dass sie meine Angst meinte. "Was niemand versteht: wenn ich einmal loslasse, gibt es für die anderen keinen Weg mehr zurück zu mir, nie wieder. Wenn man mich zwingen will, loszulassen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich eine Angst vor den anderen entwickle." M, die verstand, unabdingbar meine Hand hielt, die sagte: wer dich zwingt, loszulassen, hat dich nicht verstanden; ich lasse dich nicht mehr los.
Heute, drei Monate vor der fünfundzwanzig, wieder Autobahn, wieder Druck auf den Ohren, keine Angst mehr vor der Angst, aber trotzdem nicht ohne. Das innere Abschließen mit meiner Heimatstadt, ich lasse sie los. M, die wirklich nie losgelassen hat. M, die erste Person, die mir beigebracht hat, dass Menschen mit Schmiss auf der Seele am ehrlichsten lieben. M, die erste Person, die mir zeigte, dass die richtigen Menschen einen finden und bleiben. Weil man selbst bleibt.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
hej. alles, was du sagst, ist wichtig.
ich danke dir.