zweiunddreißig
Heute hat es irgendwie wieder wehgetan. Eigentlich weiß ich nicht wieso, nein, doch ich weiß wieso. Es zwiebelt, weil es heute wieder in Richtung Kern geht. Diesen Kern, den ich schon seit einigen Tagen nicht mehr angefasst habe, oder sind es sogar schon ein paar Wochen oder Monate? So richtig kann ich mich nicht mehr erinnern, das Denken daran fällt mir irgendwie auch etwas schwer. Komisch, heute sitze ich in der Sonne in dem schönen großen Zimmer in der ersten Etage, trotzdem tun mir die Augen so weh, als hätte ich noch nie Sonne gesehen, als hätte ich noch nie mit eigenen Augen etwas helles gesehen.
Ganz am Anfang war natürlich wieder die Frage danach wie es mir geht, ich musste dann von einer Situation erzählen, eine vom Samstag, eine, die mich komplett aus dem Konzept gebracht hat. Es wird die perfekte Überleitung.
Heute beschäftigen wir uns damit, wie einige meine Oberannahmen zustandekamen. Es geht um Lebensgebote, die aus dem Verhalten der Anderen entstanden sind und meiner Spiegelbildreaktion darauf. Wir reden über meine Kindheit, dann reden über meine Jugend und irgendwie steht auf diesem Zettel, den ich vor mir liegen habe, auch etwas von meiner Gegenwart. Am Anfang weiß ich gar nicht wirklich, wie ich meine Gedanken ordnen soll. Aus irgendeinem Grund habe ich das alles schon wieder so weit weggeschoben, dass ich meine, mich nicht daran erinnern zu wollen. Vielleicht behandeln wir es heute, weil ich in der letzten Zeit meine Grenzen sehr klar gesteckt habe, sicher bin ich mir dabei aber auch nicht so wirklich. Trotz allem scheint sie irgendwie stolz auf mich zu sein. So richtig verstehen kann ich das auch nicht, aber ich versuche mich einfach auf dieses Experiment einzulassen, vertrauen tue ich ihr schließlich.
Ganz am Anfang steht mein Störungsbaum, den hatten wir zu Beginn der Therapie erstellt. Die Vulnerabilität, die aus dem familiären und schulischen Umfeld besteht, und dann der Bodenbeschaffenheit, also meine Grundannahmen, meine Schemata und wie ich diese Grundannahmen wieder lese, bricht es mir beinahe das Herz. Da liest man Sachen wie "ich bin nicht liebenswert oder erwünscht, ich bin überflüssig; irgendetwas muss mit mir falsch sein, wenn man mich nicht lieben kann." Daraus resultiert dann: "ich setze eine Maske auf und komme dadurch in der Gesellschaft besser zurecht, diese Maske wollte ich eigentlich nie aufsetzen, man hat es mir trotzdem beigebracht, man hat sie mir aufgezwungen". Wie ich das vorlese, muss ich mehrmals tief ein- und tief ausatmen. Ich spüre, wie ein Knoten sich in meiner Brust versucht zu formen, als ich das folgende lese: "passe dich an, verstecke deine eigenen Gefühle, nur wenn du nicht versagst, wenn es niemand mitbekommt, erhälst du nicht noch mehr Missachtung und Ablehnung."
Zwischendrin fragt sie mich, was das in mir auslöst. Ich werde wütend. Wir arbeiten weiter an den Lebensgeboten. Von wem kommt es, welche Gebote, Botschaften, Leitsätze hat diese Person vermittelt, welche Strafen, welche Belohnungen gab es? Ich sage, dass mir das Negative immer mehr im Gedächtnis geblieben ist als das Positive. Dann reden wir von der Person, die mich, seit ich geboren bin, also seit ich existiere, nicht lieben kann. Und je mehr ich darüber rede, was sie mit mir gemacht hat, also was sie nicht mit mir gemacht hat, desto wütender werde ich. Und da platzt dann irgendwo in mir eine Blase. Sie hört mir zu, sie nickt, ich merke wie betroffen sie ist. Bevor ich das Kriegsbeil, das innere Kriegsbeil mit mir und meinem Kind-ich, begraben habe, will ich keinerlei Kinder haben, aber in den nächsten Jahren sowieso nicht. Ich sage, dass ich, sollte ich jemals Kinder haben, nicht möchte, dass sie mit meiner Mutter engen Kontakt haben. Ich möchte nicht, dass irgendjemand auch nur im Ansatz meinen Kindern das antut, was man mir angetan hat. Ich möchte nicht, dass mein zukünftiger Partner mit meiner Mutter etwas zu tun haben muss. Ich möchte nicht, dass er das ertragen muss, mitbekommen muss, was ich bei jedem Besuch bei meiner Mutter erlebe. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr ist mir bewusst, dass der Abnabelungsprozess, den ich gerade vollziehe, unumkehrbar ist. Man könnte eher sagen, dass er längst überfällig war. Sie nickt immer noch und irgendwie beruhigt mich das sehr. Dann sagt sie mir etwas, das ich mir schon längst hätte selbst sagen müssen: Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, dann brauchen Sie Ihre Mutter nicht. Sie brauchen sie seit einigen Jahren nicht mehr. Sie sind erwachsen, Sie sind eine erwachsene, eine schöne, eine junge Frau und das ist vielleicht auch etwas, womit Ihre Mutter nicht umgehen kann. Für Ihre Mutter sind Sie immer noch das kleine Kind, das sie herum kommandieren kann. Ich tanze auf der Klinge zwischen der gesellschaftlich mir aufgebürdeten Liebe eines Kindes und Hass, ich sage ihr, was ich einmal schrieb: wenn eine zwischenmenschliche Beziehung in Hass umschlägt, war es nicht der richtige Mensch. Eine andere Mutter hätte ich gerne gehabt. Ich schlucke. Meine Augen schweifen dann über das Arbeitsblatt mit dem Störungsbaum, da sehe ich den Stress, das, was die einzelnen, über Jahre gestreuten Episoden meiner Depression ausgelöst hat. Es war immer wieder einfach nur Stress: die Erinnerung an die Misshandlungen in der Schulzeit, mein Suizidversuch, ständig Ärger zuhause, kein Ansprechpartner, ich war die Tapete, das fehlende Interesse von Familie und Freunden, Ablehnung, klar kommunizierte Überflüssigkeit der Studenten in der Universität, die Krebserkrankung der Mutter, die Überforderung mit der Krankheit und positiven Erlebnissen, die Schwierigkeiten beim Hilfe bekommen, das alleine gelassen werden. Und dann sieht man noch diese aufrechterhaltenden Bedingungen: die Vermeidung von Nähe, Aussprachen nicht zulassen, einfach, weil es sonst zu viel Stress auslöst - wieso soll ich mich schon wieder verletzen lassen. Dann sind da noch die ganzen Grundannahmen von früher, die dysfunktional gewirkt haben.
Das, was wir heute machen, finde ich gut. Irgendwie tut es mir gut, zu sehen, dass mein Verhalten ein Spiegelbild von meinem Ich von früher ist; zu sehen, wie weit ich gekommen bin seit dem einen Jahr, seit dem ich in Behandlung bin, macht mich stolz. Stolz auf mich selbst, stolz auf die Menschen, die die ganze Zeit an meiner Seite waren, stolz auf die Menschen, die ich noch kennenlernen darf, eben weil ich überlebt habe. Ich sage ihr, dass ich immer der Meinung war, dass meine Worte mich definieren, sie sind alles, was ich habe, ich sage ihr, dass ich immer dachte, dass, wenn meine Worte nicht ankommen, ich die Menschen verfehlt habe, an die sie gerichtet sind. Vielleicht liege ich falsch damit, aber ich kann nicht anders.
Ja, heute hat es wehgetan, aber nächste Woche ist es dann genau ein Jahr her seit ich in meiner ersten Sitzung weinend auf dem Sofa im großen Zimmer mit der Sonne im Rücken, also in der ersten Etage, zusammengebrochen bin. Ein Jahr, seit wir begonnen haben, den Knoten in meiner Brust, meinem Hals, meinem Kopf auseinanderzudrieseln. Ich glaube, ich backe ihr Kuchen für die nächste Sitzung.
Heute hat es irgendwie wieder wehgetan. Eigentlich weiß ich nicht wieso, nein, doch ich weiß wieso. Es zwiebelt, weil es heute wieder in Richtung Kern geht. Diesen Kern, den ich schon seit einigen Tagen nicht mehr angefasst habe, oder sind es sogar schon ein paar Wochen oder Monate? So richtig kann ich mich nicht mehr erinnern, das Denken daran fällt mir irgendwie auch etwas schwer. Komisch, heute sitze ich in der Sonne in dem schönen großen Zimmer in der ersten Etage, trotzdem tun mir die Augen so weh, als hätte ich noch nie Sonne gesehen, als hätte ich noch nie mit eigenen Augen etwas helles gesehen.
Ganz am Anfang war natürlich wieder die Frage danach wie es mir geht, ich musste dann von einer Situation erzählen, eine vom Samstag, eine, die mich komplett aus dem Konzept gebracht hat. Es wird die perfekte Überleitung.
Heute beschäftigen wir uns damit, wie einige meine Oberannahmen zustandekamen. Es geht um Lebensgebote, die aus dem Verhalten der Anderen entstanden sind und meiner Spiegelbildreaktion darauf. Wir reden über meine Kindheit, dann reden über meine Jugend und irgendwie steht auf diesem Zettel, den ich vor mir liegen habe, auch etwas von meiner Gegenwart. Am Anfang weiß ich gar nicht wirklich, wie ich meine Gedanken ordnen soll. Aus irgendeinem Grund habe ich das alles schon wieder so weit weggeschoben, dass ich meine, mich nicht daran erinnern zu wollen. Vielleicht behandeln wir es heute, weil ich in der letzten Zeit meine Grenzen sehr klar gesteckt habe, sicher bin ich mir dabei aber auch nicht so wirklich. Trotz allem scheint sie irgendwie stolz auf mich zu sein. So richtig verstehen kann ich das auch nicht, aber ich versuche mich einfach auf dieses Experiment einzulassen, vertrauen tue ich ihr schließlich.
Ganz am Anfang steht mein Störungsbaum, den hatten wir zu Beginn der Therapie erstellt. Die Vulnerabilität, die aus dem familiären und schulischen Umfeld besteht, und dann der Bodenbeschaffenheit, also meine Grundannahmen, meine Schemata und wie ich diese Grundannahmen wieder lese, bricht es mir beinahe das Herz. Da liest man Sachen wie "ich bin nicht liebenswert oder erwünscht, ich bin überflüssig; irgendetwas muss mit mir falsch sein, wenn man mich nicht lieben kann." Daraus resultiert dann: "ich setze eine Maske auf und komme dadurch in der Gesellschaft besser zurecht, diese Maske wollte ich eigentlich nie aufsetzen, man hat es mir trotzdem beigebracht, man hat sie mir aufgezwungen". Wie ich das vorlese, muss ich mehrmals tief ein- und tief ausatmen. Ich spüre, wie ein Knoten sich in meiner Brust versucht zu formen, als ich das folgende lese: "passe dich an, verstecke deine eigenen Gefühle, nur wenn du nicht versagst, wenn es niemand mitbekommt, erhälst du nicht noch mehr Missachtung und Ablehnung."
Zwischendrin fragt sie mich, was das in mir auslöst. Ich werde wütend. Wir arbeiten weiter an den Lebensgeboten. Von wem kommt es, welche Gebote, Botschaften, Leitsätze hat diese Person vermittelt, welche Strafen, welche Belohnungen gab es? Ich sage, dass mir das Negative immer mehr im Gedächtnis geblieben ist als das Positive. Dann reden wir von der Person, die mich, seit ich geboren bin, also seit ich existiere, nicht lieben kann. Und je mehr ich darüber rede, was sie mit mir gemacht hat, also was sie nicht mit mir gemacht hat, desto wütender werde ich. Und da platzt dann irgendwo in mir eine Blase. Sie hört mir zu, sie nickt, ich merke wie betroffen sie ist. Bevor ich das Kriegsbeil, das innere Kriegsbeil mit mir und meinem Kind-ich, begraben habe, will ich keinerlei Kinder haben, aber in den nächsten Jahren sowieso nicht. Ich sage, dass ich, sollte ich jemals Kinder haben, nicht möchte, dass sie mit meiner Mutter engen Kontakt haben. Ich möchte nicht, dass irgendjemand auch nur im Ansatz meinen Kindern das antut, was man mir angetan hat. Ich möchte nicht, dass mein zukünftiger Partner mit meiner Mutter etwas zu tun haben muss. Ich möchte nicht, dass er das ertragen muss, mitbekommen muss, was ich bei jedem Besuch bei meiner Mutter erlebe. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr ist mir bewusst, dass der Abnabelungsprozess, den ich gerade vollziehe, unumkehrbar ist. Man könnte eher sagen, dass er längst überfällig war. Sie nickt immer noch und irgendwie beruhigt mich das sehr. Dann sagt sie mir etwas, das ich mir schon längst hätte selbst sagen müssen: Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, dann brauchen Sie Ihre Mutter nicht. Sie brauchen sie seit einigen Jahren nicht mehr. Sie sind erwachsen, Sie sind eine erwachsene, eine schöne, eine junge Frau und das ist vielleicht auch etwas, womit Ihre Mutter nicht umgehen kann. Für Ihre Mutter sind Sie immer noch das kleine Kind, das sie herum kommandieren kann. Ich tanze auf der Klinge zwischen der gesellschaftlich mir aufgebürdeten Liebe eines Kindes und Hass, ich sage ihr, was ich einmal schrieb: wenn eine zwischenmenschliche Beziehung in Hass umschlägt, war es nicht der richtige Mensch. Eine andere Mutter hätte ich gerne gehabt. Ich schlucke. Meine Augen schweifen dann über das Arbeitsblatt mit dem Störungsbaum, da sehe ich den Stress, das, was die einzelnen, über Jahre gestreuten Episoden meiner Depression ausgelöst hat. Es war immer wieder einfach nur Stress: die Erinnerung an die Misshandlungen in der Schulzeit, mein Suizidversuch, ständig Ärger zuhause, kein Ansprechpartner, ich war die Tapete, das fehlende Interesse von Familie und Freunden, Ablehnung, klar kommunizierte Überflüssigkeit der Studenten in der Universität, die Krebserkrankung der Mutter, die Überforderung mit der Krankheit und positiven Erlebnissen, die Schwierigkeiten beim Hilfe bekommen, das alleine gelassen werden. Und dann sieht man noch diese aufrechterhaltenden Bedingungen: die Vermeidung von Nähe, Aussprachen nicht zulassen, einfach, weil es sonst zu viel Stress auslöst - wieso soll ich mich schon wieder verletzen lassen. Dann sind da noch die ganzen Grundannahmen von früher, die dysfunktional gewirkt haben.
Das, was wir heute machen, finde ich gut. Irgendwie tut es mir gut, zu sehen, dass mein Verhalten ein Spiegelbild von meinem Ich von früher ist; zu sehen, wie weit ich gekommen bin seit dem einen Jahr, seit dem ich in Behandlung bin, macht mich stolz. Stolz auf mich selbst, stolz auf die Menschen, die die ganze Zeit an meiner Seite waren, stolz auf die Menschen, die ich noch kennenlernen darf, eben weil ich überlebt habe. Ich sage ihr, dass ich immer der Meinung war, dass meine Worte mich definieren, sie sind alles, was ich habe, ich sage ihr, dass ich immer dachte, dass, wenn meine Worte nicht ankommen, ich die Menschen verfehlt habe, an die sie gerichtet sind. Vielleicht liege ich falsch damit, aber ich kann nicht anders.
Ja, heute hat es wehgetan, aber nächste Woche ist es dann genau ein Jahr her seit ich in meiner ersten Sitzung weinend auf dem Sofa im großen Zimmer mit der Sonne im Rücken, also in der ersten Etage, zusammengebrochen bin. Ein Jahr, seit wir begonnen haben, den Knoten in meiner Brust, meinem Hals, meinem Kopf auseinanderzudrieseln. Ich glaube, ich backe ihr Kuchen für die nächste Sitzung.
I'm tired of fighting
fighting for a lost cause
fighting for a lost cause
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hej. alles, was du sagst, ist wichtig.
ich danke dir.