Dienstag, 12. März 2013

thrown

Untitled by smallcutsensations

Untitled by smallcutsensations

Untitled by smallcutsensations

Das sind alles nur Träume. Gestern, neunuhrvierundfünfzig, eigentlich wollte ich in vier Minuten in der Bibliothek sitzen, hochgefahren. Alptraum - sie waren alle tot und ich wusste gar nicht, was ich machen sollte, wohin ich eigentlich sollte; vor mir die Manuskripte zu Die Abwesenheit der Dinge und Für immer die Menschen, die ich eigentlich zu Ende schreiben wollte, aber sie waren alle tot und nichts konnte ich machen, dass sie wieder zurückkamen. Zwei von ihnen sind wirklich tot; ich frage mich wieso ich das Meer noch so sehr liebe. Der hilflose Gedanke daran, dass es so viel wichtigeres gibt als Angst - solange man noch lebt. Und dann schimpfen sie wieder auf mein Hintergrundbild, ich habe es immer noch nicht offiziell geändert, manchmal taucht es auf, manchmal allerdings nicht. Wie die Gedanken von dir: an, aus, an, aus. Wie die Gedanken von mir: an, aus, an, aus.
Heute, zweiuhrvierunddreißig, wieder aufgewacht, wieder so ein komischer Traum - ich weiß nicht, was das auf einmal alles soll. Eigentlich hatte ich nichts verschüttet, im Gegenteil, ich habe alles aufgegraben, so wie man eine Straße aufgräbt, um an die Versorgungsadern einer Stadt zu kommen.

dreiunddreißig
Ich habe es gerade so geschafft, diesmal bekomme ich eine heiße Tasse Tee zum Aufwärmen, das große Zimmer, vor dem Fenster wieder ein Schwarm Krähen. Sie müssen sich wohl wirklich mein Gesicht gemerkt haben. An die letzte Woche kann ich mich kaum erinnern, sage ich ihr, irgendwie waren da viel Schlaf, viele Versuche, mal wieder oder immer noch ein Warten, eine latente Wut/Enttäuschung.
Wir reden über ein Gespräch mit S, die Äußerung zu meinem Gewicht, wir diskutieren das alles, ich sage ihr, ich fühle mich gesund, auch wenn sie die Augen etwas aufreißt, als sie hört, dass ich sage, dass ich weniger wiege als in der Klinik. Es ist nicht schlimm, es geht mir gut, ich esse und das auch regelmäßig, ich habe noch nie viel oder schnell gegessen und ich mag auch nicht unbedingt, dass man mir jeden Bissen in den Hals zählt. Sie schreibt alles mit. Und wenn Sie in drei Monaten zehn Kilo zunehmen würden? Dann wäre das wohl auch in Ordnung, ich fühle mich jetzt wohl in meinem Körper, ich habe mich vor einem halben Jahr in meinem Körper wohlgefühlt. Und wenn andere darüber mit Ihnen reden? Dann finde ich es problematisch, wenn sie sagen, sie wollen so dünn sein wie ich. Das sollte niemand wollen, aber eine Essstörung lasse ich mir nicht andichten.
Das Arbeitsblatt vom letzten Mal liegt vor mir, Gesprächsfäden über den Stand in der Uni, ich erzähle ihr nichts von dem Traum, sicherheitshalber, denn ich weiß selbst noch nicht, was ich daraus machen soll und reden über zweitausendelf will ich nicht mehr, gar nicht mehr. Es geht um die Planung der nächsten Monate, ich sage ihr, dass ich eigentlich keinen anderen Anspruch habe als meinen Abschluss zu schaffen. Der Versuch, anderthalb Jahre in einem einzigen Semester aufzuholen. Was haben Sie sich darunter vorgestellt? Ich will einfach nur durchkommen, das wird eine anstrengende Sparflamme, aber selbst eine vier null reicht mir aus, in allem. Ich will einfach nur bestehen - wenn es besser wird, freue ich mich, aber es muss nicht. Das ist wichtig, vor allem, wenn man bedenkt, dass Sie sich dadurch etwas Druck nehmen. Ja, abgesehen davon wird es niemanden interessieren, was für eine Note ich nun habe. Das wird wie mit meinem Abiturzeugnis, das kann ich mir mittlerweile auch eingerahmt auf die Toilette hängen, interessieren wird es trotzdem niemanden - wichtig ist nur, dass man es hat. Sie nickt. Es ist nur wichtig, wenn Sie einen universitären Weg einschlagen wollen. Ich schüttele den Kopf, halte mich an der Tasse in meinem Schoß fest: und das würde ich nie wollen, mich macht dieses universitäre Leben ja so schon kaputt. Ich erzähle ihr von einem anderen Gespräch, dass ich zu jeder Prüfungsphase sagen kann, was bei mir los war, wie tief ich in der Negativspirale und der Depression gesteckt habe - ich bin nicht zu dumm, ich kann schaffen, was ich will, nur wusste ich eben jahrelang nicht, was nun mit mir los war. 
Wissen Sie, das Grundproblem ist, dass man sich mit anderen vergleicht, aber nur das sieht, was man auch von Ihnen sehen kann, es sei denn, man beschäftigt sich tiefergehend mit Ihnen: Ihr Äußeres. Das sind zwei Fehlschlüsse, die viele zu machen scheinen: jeder hat eine individuelle Vulnerabilität und abgesehen davon auch ein komplett anderes Umfeld. Menschen die stabiler sind als Sie könnten in Ihrer jetzigen Situation noch - ich übertreibe jetzt - einen Todesfall, eine Trennung, zwei weitere Prüfungen und vier weitere Hausarbeiten verkraften. Sie können das gerade nicht, dafür haben Sie aber ganz andere Qualitäten, selbst jetzt, wo Sie sich noch etwas labil zu fühlen scheinen.
Mir macht das Mut. Ich sage ihr, dass ich einfach meine Erkrankung nicht ständig nutzen will, ich will nicht, dass es so scheint, als wäre es eine Ausrede; ich bin doch noch so viel mehr als Depression und meine spezielle Form der Sozialphobie. Und ich werde doch gerade wieder gesund.

Wir kommen dann doch wieder auf das Omnipräsente zurück. Ich habe Angst, sage ich ihr, ich habe Angst davor, vor beiden Möglichkeiten. Ich will keine Angst vor der Person entwickeln, was ich sonst immer getan habe. Wichtig ist doch, dass Sie sich Ihrer Angst dann stellen, dass Sie nicht weglaufen. Ich schiele auf meine Sachen, die, die auf dem Boden und dem Sofa sitzen. In dem Moment an mich selbst die Frage, wieso ich mittlerweile eigentlich nur noch in dem kleinen Sessel sitze und nicht mehr auf dem Sofa; und wo ist überhaupt der Frühling hin. Auch hier artikuliere ich nicht, was ich die ganze Zeit artikulieren will, es ist zwar omnipräsent, aber das heißt für mich nicht, dass es mein Leben bestimmt. Ich lenke mein eigenes Schiff. Sollte ein Mann kommen, der Sie erneut sozusagen wegfegt, weil er Sie komplett überrascht mit seinem Sein, dann lassen Sie es zu, oder was meinen Sie? Egal wer und wann, ich würde deutlicher kommunizieren. Momentan habe ich sowieso nur das Bedürfnis, dass mich jemand beim Einschlafen in den Arm nimmt. Aber haben Sie keine Angst, mit Unsicherheit muss jeder leben und das tun Sie seit einem halben Jahr. Ja, trotzdem macht es mich traurig und trotz allem halte ich mich an mein Versprechen, an meiner Pinnwand hängt noch das Ticket von damals; meine stille Mahnung, eine an mich selbst, das nächste Mal ziehst du dich nicht zurück, das nächste Mal tust du es wirklich.

Ein anderes Gespräch, ich merke, wie stinksauer ich noch bin; es scheint sie zu überraschen aber irgendwo auch stolz zu machen, als ich beginne zu erzählen, dass ich mich nicht dreiundzwanzig Jahre lang umsonst gefragt habe, wieso ich scheinbar so anders bin als andere, um mir dann einreden zu lassen, dass jeder ersetzbar sei. Vielleicht ist ja der Sprachgebrauch auch nur nicht so bewusst gewesen - es gibt einen Unterschied zwischen ersetzen, das wäre eine Kopie, und besetzen, das ist das Ausfüllen einer bestimmten Rolle mit einem anderen Menschen. Ich nicke, sage, dass ich das selbst zu oft verwechselt habe, vielleicht hat es daran gehinkt, diesen Unterschied muss jeder für sich selbst lernen. Abgesehen davon haben Sie ja mittlerweile wirklich auch gelernt, dass Sie tatsächlich ein besonderer, ein ganz anderer Mensch sind. Ich weiß nicht, entgegne ich, für mich habe ich es akzeptiert und würde ich annehmen, dass ich nicht besonders bin, dass ich einfach so ersetzbar bin, könnte ich mich auch gleich von der nächsten Brücke stürzen, schließlich würde es ja sofort jemanden geben, der meinen Platz einnimmt. Sie schaut etwas besorgt. Es muss doch einen Grund haben, wieso es ständig Leute an meine Füße zu spülen scheint, mit denen ich vor langer Zeit gebrochen habe. Beweisen Sie sich das nicht täglich selbst?

Am Ende erzähle ich ihr von einem Podcast, den ich mittlerweile regelmäßig höre, den Psychotalk, in dem drei Psychologen zu unterschiedlichen Themen ein paar Stunden miteinander reden, meist auch mit Gästen. Bei einem Teil der aktuellen Podcastfolge ist eine Psychotherapeutin anwesend, sie reden über Therapie an sich, ich frage meine Therapeutin dann, ob, wenn Männer an sich oft bis zum letzten Punkt warten, bis sie sich in Therapie begeben (wenn überhaupt), dann nicht eigentlich auch einige Studien verfälscht sind. Wir reden darüber im Detail, mich interessiert das gesamte Thema sehr. Vielleicht sollte ich beim Studium Generale doch eine Vorlesung aus der Psychologie besuchen.


Momentan habe ich kaum Kraft fürs Fotografieren, am Freitag ist Abgabe für eine Hausarbeit, morgen ein Gespräch mit meiner Dozentin, eins, vor dem ich Angst habe. M und A sind seit zwei Jahren nicht mehr. Neben mir: aus dem Teebeutel fließt die Farbe ins Wasser, modernes Ausbluten vielleicht. Spanische Orange.

if you're on a quest for divine security
I suggest you bow down to the referee
now I know I'm a good girl and I know that you agree

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

hej. alles, was du sagst, ist wichtig.

ich danke dir.