Mittwoch, 10. Juli 2013

go out and love someone

Untitled by smallcutsensations

Untitled by smallcutsensations
März 2012 & März 2013

dreiundvierzig
Ich verspreche, dass das alles besser funktionieren wird. Dass ich schneller werde, dass ich mir mehr annehme. Die immer wiederkehrende Frage nach meinem Gemütszustand, ich antworte immer bestimmter. Von einem zaghaften, überraschten "Ich glaube, dass es mir gut gehen könnte" zu einem "ich finde, es geht mir gut" zu einem "es geht mir gut" war es ein langer Weg, die Pausen zwischen den Sitzungen haben mir bestimmt ebenso geholfen.
Wir sprechen über den Studienabbruch, darüber, was ich wohl meiner Mutter sagen muss, was wohl mein Vater meiner Mutter sagt. Und dass ich wieder keinerlei Lust habe, zu meinen Eltern zu fahren, obwohl es nur einmal quer durch die Stadt geht. Danach rege ich mich auf, sage, dass ich mich momentan nicht wirklich wohlfühle, dass ich bemerke, wie ich gewissen Situationen schon wieder aus dem Weg gehe, dass ich mich jetzt schon wegwünsche. Dass ich trotzdem Angst habe. Wie hatten wir gesagt? Die Angst sagt: hier geht es lang. Vielleicht kann ich das wirklich auch mal so leben. Sie haben eine gewisse Verantwortung, eine gegenüber sich selbst und eine gegenüber anderen Menschen, Ihren Mitmenschen. Das mit der Verantwortung muss mancher auch erst lernen.
Was mich die letzten Monate schwer beschäftigt hat, nimmt immer mehr ab, ist in dieser Sitzung beinahe nicht mehr existent. Ich muss mich daran erinnern, wie sie immer sagte, dass der Abschied, der Verarbeitungsprozess in Wellen, in Phasen abläuft, dass man auch Rückschläge hat, dass man aber das mit der Retrospektive nicht machen sollte. Alles, was Sie in diesem Kontext entschieden hatten, war für Sie zum damaligen Zeitpunkt richtig. Man kann sich beruhigen, man kann zurechtkommen, man kann das mit dem "Leben", das, was erst so komisch zwiebelt, schaffen.
Sie und ich sehen aus dem Fenster, irgendwie erwarten wir beide wohl den Sommer.

vierundvierzig
Trotz allem noch die Befürchtung, dass irgendetwas schief geht. Nein, nennen wir es einfach Grundangst, Misstrauen und Infragestellen. Um mich im Wartezimmer scheinen ein paar neue Gesichter zu sitzen, sie sehen so ähnlich aus wie ich vor einem Jahr, irgendetwas trauriges haben sie an sich und ich fühle mit. An einigen Tagen ist das so, als würde man alte Wunden aufreißen, nur damit sich die Anderen nicht so alleine fühlen müssen in ihrem Schmerz. Gesund ist das selten, aber ich mache es trotzdem, ich habe es mir nicht anders beigebracht und ich habe mich immer dagegen gewehrt, diese Eigenschaft zu verlernen.

Im Laufe der Therapie habe ich Fragebögen ausfüllen müssen, ganz am Anfang, in der Mitte der Therapie, jetzt. Sie gibt mir die Auswertung, sie strahlt, ich strahle, was ich da sehen kann, kann ich beinahe nicht glauben. (Zwischenbemerkung: ich teile solche persönlichen persönlichen Sachen nicht gern, aber ich finde, in diesem Rahmen ist das in Ordnung.) Bei allen Punkten bin ich nicht mehr im klinischen Bereich, ich habe zwar noch eine milde Form der Sozialphobie, aber die ist nicht klinisch, die engt mich nicht so sehr ein wie vorher.




Wir sehen uns Videoaufzeichnungen an, diese Aufzeichnungen waren ein Teil der Voraussetzungen für meine Therapie am Institut. Sitzung zwei. Ich erinnere mich, damals hat es geblutet, ich habe viel geweint. Mein Festkrallen an dem Schmerz von damals. Ich muss noch damit zurechtkommen, dass ich nicht mehr leide. Wann auch immer ich innerlich Schmerzen hatte, war ich am kreativsten. Jetzt muss ich mich selbst zum Leiden bringen, schreiben oder fotografieren und dann aus diesem Loch herauskommen, allein; fast auf Knopfdruck. Sitzung vierzig. Wissen Sie, jetzt sitzt da eine gestandene Frau, das ist eine komplett andere Körpersprache. Vorher eingefallen, in allem. Ich will mir nicht leid tun, nein, das alte Ich darf mir nicht leid tun. Wir hören uns an, was wir damals gesprochen haben. Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich so sehen? Es macht mich traurig und stolz. Traurig, dass es mich in dieser Form gegeben hat, stolz, weil ich jetzt am Leben teilnehme. Deshalb hatte ich mich bei der letzten Sitzung gefreut, dass Sie sich über etwas aufgeregt haben. Weil es etwas Alltägliches sein kann, weil das heißt, dass Sie sich nicht selbst fertig machen.
An der Wand neben dem Fernseher hängt ein Zettel mit Hinweisen für die Einstellung des Videorecorders. Richtig und suboptimal. Zu gerne würde ich wissen, wieso man das Wort falsch vermieden hat, dann sage ich ihr, dass da eines meiner "Lieblingsworte" an der Wand steht. Wir lachen beide. Ein paar Sachen besprechen wir noch, sie wird mir fehlen.
Die letzte Sitzung schieben wir auf den letzten Montag im Juli. Wehmut ist da schon ein bisschen dabei. All das, was in der letzten Zeit, im letzten Jahr, in der Zeit seit meiner Kindheit war: wer weiß, wofür es gut war. Wir lächeln beide.

Die Linien vor meinem Fenster sind zu dicht, sie flackern. Draußen das sommerliche Atmen der Luft. Der Mann vom Spätshop gegenüber Evas Pizza fragt mich, wo ich in der letzten Zeit war, ob es mir gut geht, ob ich gesund bin, er habe mich so lange nicht gesehen und sich Sorgen gemacht. Ich muss grinsen, auf den Tresen lege ich das Kleingeld. Einen schönen Tag wünsche ich ihm, gehe zurück auf die Straße und laufe nach Hause.

Helplessness is the last thing I am looking for

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